„Urbanität ist eine Frage des Netzwerkes.“

Peter Baccini über die neue Urbanität und Urban Mining.

Urban Mining: Welche Funktion hat der zukünftige urbane Raum und wie wird der dann gestaltet sein?

Peter Baccini: Das ist jetzt wirklich eine happige Frage. Ich beginne mal mit unserem aus der Forschungsgruppe herausgewachsenen Begriff der Urbanisierung menschlicher Siedlungen. Also Sie selbst wissen natürlich, dass wir noch heute in der Raumplanung, in der Stadtplanung diese klassische Teilung haben. Wir haben dieses eigentliche Urbane, sehen wir es als Bauwerke, also als Regelsysteme, die die Menschen in diesen Bauwerken verwenden. Und dieser urbane Raum wird durch Baugesetze, Raumplanung abgegrenzt gegenüber dem ländlichen Raum oder Naturschutzgebiet. Wir haben Anfang der 90er Jahre begonnen, dieses Konzept oder diese intellektuelle Strukturierung grundsätzlich in Frage zu stellen. Ich sitze hier an einem Schreibtisch in einem 300 Jahre alten Bauernhaus. Ich sehe nur die Scheune des Nachbarn, der Bauer ist. Aber ich weiß ganz genau, wenn ich jetzt 300 Meter hochspaziere, fährt ein Bus vorbei, der mich in einer halben Stunde in das klassische mittelalterliche Zentrum von Luzern bringt. Aber ich kann jetzt gleichzeitig mit Ihnen ein Gespräch nach Wien führen. Und ich kann gleichzeitig eine E-Mail von meinem Verleger von MIT Press empfangen. Ich bin in einem technischen Konzept, in dem die räumliche Kulisse irrelevant geworden ist. Das heißt Urbanität ist heute eine Frage des Netzwerkes. Mit der Erreichbarkeit entwickelten sich die urbanen Qualitäten. Wir sprechen über Kriterien der Urbanität wie Idenität, wie Flexibilität, wie Ressourceneffizienz und Verfügbarkeit, anstatt es rein mit der architektonischen Brille zu betrachten.

Urban Mining: Urbanität definiert sich nur mehr über Funktionalität?

Peter Baccini: Ja. Wir haben unser Netzstadtmodell in den 90er Jahren aufgrund dieser Entwicklungen entworfen.

Urban Mining: Netzstadt bedeutet, dass es kein Zentrum gibt, sondern dass es nur um die Vernetzung von Menschen und Dingen geht?

Peter Baccini: Richtig! Das haben Sie sehr gut gesagt. Der Unterschied in der Netzstadt besteht darin, dass wir die Funktionsweise des Netzes betrachten und auch wenn ein wichtiger Knoten ausfällt, bricht das Netz noch nicht zusammen. Hingegen wenn Sie von einem Zentrum ausgehen, das natürlich eine historische und politische Wirkung hat: Zerstört man das Zentrum, dann zerstört man gleichzeitig die Macht und das Ganze.

Urban Mining: Ein Dorf hat dann den gleichen Stellenwert wie eine große Stadt?

Peter Baccini: Sie haben da offensichtlich in unser Buch geschaut und Sie sehen, dass das vierte Kapitel eigentlich mit Regionen arbeitet. Wir begründen darin auch, warum wir jetzt Regionen auswählen und nicht Städte. Wir fragen uns, was man mit Großsystemen macht. Das sind urbane Systeme, Netzstädte, die sagen wir Tausende von Quadratkilometern, Millionen Einwohner haben und die in irgendeinem politischen System drinnen sind. Dort findet eigentlich die Entscheidung statt, wie wir künftig mit den Ressourcen umgehen. Wir haben sehr selten den Begriff Nachhaltigkeit, also Sustainability benutzt, weil wir das zwar als ein moving target erkennen, aber was wir konkreter für eine Überlebensstrategie im Garten Erde machen müssten, ist, robuste menschen- und umweltverträgliche Systeme zu bauen.

Urban Mining: Ich möchte kurz auf Urban Mining zu sprechen kommen. Wir haben Urban Mining so definiert, dass man die Stadt als Rohstoffquelle nutzt. Wir sind aber von einer Stadt mit Zentrum ausgegangen. Sie würden das wahrscheinlich anders definieren?

Peter Baccini: Ich würde es vor allem schade finden, wenn nur die klassischen Städte als Lager genutzt werden würden und nicht alle Knotenpunkte. Von den 8 Millionen Schweizern ist jetzt mal eine knappe Million in Zürich, Bern und Genf und Basel, das sind die vier großen Städte. Darin habe ich nur maximal 15 Prozent, aber diese vier Städte machen jetzt alleine das Urban Mining? So wäre das grundweg peinlich. Das größte Lager ist in der Schweiz nicht dort, sondern es ist in Verbindungskanälen und in der Summe der viel kleineren Knoten versteckt. Die Herausforderung ist, wie gehen die, die Urban Mining machen, methodisch vor. Und somit hat das Städteverständnis für Urban Mining eine große Bedeutung.

Urban Mining: Warum wird beim Entwerfen von Häusern nicht ein Zettel mit den „Inhaltsstoffen“ beigelegt?

Peter Baccini: Architekten möchten gerne Werke für die Ewigkeit schaffen, Ikonen entwerfen. Da fällt es schwer mit dem Entwurf einen Rückbauplan zu liefern, um in 20 bis 30 Jahren das Gebäude als Bergwerk zu benutzen. Das ist noch Zukunftsmusik.

Das Gespräch führte Nina Prehofer.

Infobox:
Peter Baccini ist emeritierter Professor für Stoffhaushalt und Entsorgungstechnik der ETH Zürich. Er lehrte am Departement Bau, Umwelt und Geomatik. Der Begriff „Netzstadt“ bezieht sich auf das 1999 unter demselben Titel erschienene Buch „Netzstadt: Designing the Urban“

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