AMOR spart OP- Handschuhe ein

Hans Daxbeck ist ein Idealist. Mit dem Wunsch, praktisch etwas zu verändern, hat er seinen Job als Universitätsassistent an den Nagel gehängt. Er gründete vor 25 Jahren die RMA (Ressourcen Management-Agentur) und startete im ersten Kammerl. Mittlerweile ist die RMA zu einer beachtlichen privaten Forschungsinstitution herangewachsen. Und was AMOR mit OP-Handschuhen zu tun hat, erklärt Daxbeck im folgenden Interview.

Urban Mining: Warum sind Sie unter die Neugründer gegangen?

Daxbeck: Wir waren fünf halbjunge, motivierte Universitätsassistenten und wollten nach Jahren an der Universität nicht nur forschen, sondern auch Projekte in die Realität umsetzen. Wir hatten viele Studien gemacht, die allesamt für uns zu wenig Konkretes bewirkt haben. So haben wir es zumindest damals gesehen.

Urban Mining: Sie haben dann 1997 die RMA gegründet. Wie war die erste Zeit?

Daxbeck: Der Anfang war sehr lustig. Als klassischer Spin-off der Universität war unser erstes Büro im Labor der TU-Wien. Es war genau 4 Quadratmeter groß. Darin saß ich mit meinem ersten Mitarbeiter. Wenn einer aufstehen wollte, musste der andere Platz machen. Nach etwa sechs Monaten bin ich mit Sack und Pack – es müssen so an die 3 Kubikmeter Berichte, Unterlagen und PC’s gewesen sein – ins AKH übersiedelt. Dort haben wir unser erstes Projekt umgesetzt. Als Mietnomade habe ich ebenfalls im hintersten Kammerl gehaust. Bevor man mich rauswarf, habe ich das heutige Büro in der Argentinier Straße in Wien gemietet. Zuerst ein Zimmer, mittlerweile das gesamte Büro.

Urban Mining: Auf welche Forschungsbereiche spezialisieren Sie sich?

Daxbeck: Wir wollen möglichst das gesamte Feld des Regionalen Stoffhaushaltes abdecken, d. h. vom Wasser- oder Nährstoffhaushalt von Regionen bis zum Stoffhaushalt von Regionen, der betrieblichen aber auch regionalen Abfallwirtschaft, von den privaten Haushalten bis zu Industrie- und Gewerbeabfällen. In unserem Team war ein Bauingenieur, daher war nachhaltiges Bauen von Beginn an ein Thema für uns. Und vom nachhaltigen Bauen zu den Baurestmassen ist es ein kurzer Weg. Über den Wiener Krankenanstaltenverbund bin ich zur Ernährung gekommen. Daraus folgten viele Studien von der Lebensmittelabfallvermeidung über die Umweltbelastung von Lebensmitteln bis zu Fragestellungen der nachhaltigen Ernährung. Ich habe mich immer bemüht, Forschungsprojekte an Land zu ziehen, wo wir unmittelbar nachher die theoretischen Erkenntnisse in der Praxis ausprobieren konnten.

Urban Mining: In Ihrer Arbeit geht es auch um den Metabolismus einer Region. Was ist darunter zu verstehen?

Daxbeck: Das ist jener Stoffwechsel in einer Region, der durch die eingesetzten Materialien gekennzeichnet wird und darin befinden sich die unterschiedlichen Ressourcen. Es geht darum, die in einer Region relevanten Prozesse zu identifizieren. Es gilt von der Urproduktion über die Wirtschaft (das sind die privaten Haushalte aber auch einzelne für den Stoffhaushalt relevante Unternehmen) bis zur Abfallwirtschaft zu beleuchten, wobei die Umweltprozesse nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Meist gibt es in einer Region einen Schlüsselbetrieb, der nicht nur die Wertschöpfung schafft, sondern auch u. U. die Belastung, respektive die Emissionen.

Urban Mining: Ihr Aufgabengebiet ist also ein weites Feld?

Daxbeck: Ein extrem weites. Wir arbeiten immer an mehreren Prozessen parallel. Ich kenne die Landwirtschaft, ihre Produkte und ihre Transportprobleme. Ich kenne die Lebensmittel, die Großküchen, in denen sie verarbeitet werden. Ich kenne den Phosphorhaushalt, der die Nährstoffe, die Grundwasserproblematik erklärt bis in den privaten Haushalt hinein. Ich kenne die Abfallwirtschaft und die anthropogenen Lager. Ich kenne das nachhaltige Bauen, die nachhaltige Ernährung und viele Prozesse bewerten wir auch beispielsweise mit Ökobilanzen – es ist sehr spannend, in diesen vielen verschiedenen Feldern herumzuhüpfen.

Urban Mining: Behält man dabei noch den Überblick?

Daxbeck: Wir haben bisher über 100 Projekte durchgeführt und ich kenne bis auf ganz wenige Ausnahmen alle inhaltlich sehr, sehr gut. Ich lese alle meine Projekte, redigiere und kommentiere sie auch – das kostet unheimlich viel Zeit und Kraft. Aber so kenne ich sie.

Die Arbeit, die ich mache, finde ich extrem faszinierend, weil sie an der Schnittstelle zwischen Forschung und der Umsetzung steht. Ich habe beide Optionen offen und ich bemühe mich das auch wirklich zu leben. Und das taugt mir total. Und ich habe ein Team, auf das ich mich wirklich verlassen kann. Das ist Gold wert.

Urban Mining: Jede Arbeit hat aber auch ihre Schattseiten. Mit welchen Problemen sind Sie konfrontiert?

Daxbeck: Die öffentlichen Forschungsgelder gehen rapide zurück und werden nicht durch private Gelder kompensiert. Wir haben keine Lobby und ich möchte meine Unabhängigkeit auch nicht aufgeben und da sehe ich auf uns – als kleines Institut – Probleme zukommen. Vor allem stört mich, dass ich darauf keinen Einfluss habe. Ich spüre den Druck, dass mir Geldgeber massiv abhanden kommen und ich kann das durch private Projekte wahrscheinlich nicht kompensieren. Und was mir ganz wenig Spaß macht, ist der gesamte künstlich hervorgerufene Stress der Abrechnung: Ich war beim vierten, fünften und beim sechsten EU-Forschungsrahmenprogramm dabei. Damals war die Projektabwicklung kein Thema. Und heute bin ich mit Sachen konfrontiert, die ich fast nicht lösen kann und das nervt mich total. Es sind die Bereiche, die nichts mit dem Projekt und dem Thema zu tun haben, mit denen ich mich aber auseinandersetzen muss, sonst werden Gelder aberkannt. Die Vorfinanzierungszeiträume sind in den letzten Jahren exorbitant angestiegen. Mittlerweile warte ich auf abgerechnete EU-Gelder länger als ein Jahr, womit die Vorfinanzierungszeiträume dann langsam die Zweijahresgrenze erreichen. Außerdem werden bei EU-geförderten Projekten nicht 100% der anfallenden Kosten abgegolten. Da wir uns ausschließlich über Projekte finanzieren, bedeutet das für mich, dass ich den Erlös von Projekten in die Ausfinanzierung der EU-Projekte stecke, um mir das Hobby „EU-Projekte“ zu leisten.  

Urban Mining: Von Ihren rund 100 Forschungsarbeiten – gibt es eine Lieblingsarbeit, von der Sie sagen, das war die beste?

Daxbeck: Natürlich gibt es die. Zum Beispiel im Krankenhausbereich. AMOR – ein supergeniales Projekt im Bereich des betrieblichen Ressourcenmanagements. Wir haben dabei erforscht, ob in einem Krankenhaus neben abfallvermeidenden Maßnahmen, neben Optimierung der getrennten Abfallsammlung auch der Ressourcenverbrauch reduziert werden kann. Zum Beispiel: Wir verbrauchen 6 Millionen Einweg-Handschuhe. Schaffen wir es auf 10% zu verzichten? Die damalige Leiterin hat sich sehr engagiert um unsere theoretischen Überlegungen in die Praxis umzusetzen. Bei den Einweg-Handschuhen konnten wir auf einzelnen Stationen Einsparungen von teilweise bis zu 30% erreichen – nachhaltiges Einsparen, das auch noch ein Jahr nach Ende des Forschungsprojekts funktionierte. Und das im Spitalsbereich, wo Abfallvermeidung ein ganz schwieriges Thema ist.

Urban Mining: Wenn Sie eines Tages Ihre RMA verlassen, was sollte sich geändert haben?

Daxbeck: Es wäre toll die RMA zu schließen, weil es im Bezug auf Ressourcenmanagement keine diskussionswürdigen Themen mehr gibt. Ich glaube aber, dass wir Ressourcenmanagement – und ich sage hier bewusst Ressourcenmanagement und nicht Urban Mining (weil das zu kurz greifen würde) – auch dann brauchen werden.

Urban Mining: Sie glauben, die RMA gibt es noch in 50 Jahren?

Daxbeck: Ich würde mich freuen, wenn es weltweit mehr außeruniversitäre Institutionen geben würde, die an diesem Thema arbeiten. Aber Sie haben eine interessante Frage gestellt, ich werde sie im nächsten Monatsjourfix der RMA auf die Tagesordnung setzen. Denn die Antwort können nur meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geben. Ich werde Sie die Antwort wissen lassen.

Urban Mining: Wir freuen uns darauf und danken für das Interview.

 Zur Person: Mag. Hans Daxbeck ist seit 1988 in den Bereichen „Abfallwirtschaft“ und „Regionaler Stoffhaushalt“ tätig. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Projektmanagement und in der Durchführung internationaler Projekte. Neben AMOR hat Daxbeck und sein Team u.a. ENBA (Entwicklung einer Strategie zur nachhaltigen Nutzung von Baurestmassen) sowie die KUPFER-Studie (Operationalisierung der Ergebnisse des Cu-Haushalt Österreichs als Beitrag für ein Kupfer Ressourcenmanagement in Österreich) erarbeitet. Ein Blick auf die Site der RMA lohnt sich. 

 

AMOR reduces use of surgical gloves

Hans Daxbeck is an idealist. In the hope of bringing about practical change, he gave up his position as university assistant. 25 years ago he founded RMA (Resource Management Agency) und began to work in the first of a number of back rooms. RMA has now become a formidable private research institute. And in the following interview Daxbeck sets out to explain what AMOR has to do with surgical gloves.

Urban Mining: What made you decide to start up a new business?

Daxbeck: We were five youngish, highly motivated university assistants who, instead of simply doing research at the university, wanted to actually put projects in practice. We had conducted lots of studies which, to our mind, had had too little practical impact. At least that’s how we saw it at the time.

Urban Mining: You started RMA in 1997. What was the time of the initial start-up like?

Daxbeck: We had lots of fun at the beginning. As a typical university spin-off, our first office was located in the lab of the Vienna University of Technology. The lab measured exactly 4 square metres. That’s where I sat with my first co-worker. Every time one of us needed to get up, the others had to make room. After about six months, I packed lock, stock and barrel – it must have been close to 3 cubic metres of reports, documents and PCs – and relocated to AKH, Vienna’s General Hospital. That’s where we realised our first project. Being an itinerant tenant, I was again relegated to the rearmost room. Before they threw me out, I had leased the current office on Argentinier Straße in Vienna. One room initially, but now the whole office.

Urban Mining: What research areas have you specialised in?

Daxbeck: If possible, we would like to cover the entire field of regional resource management, i.e. from water or nutrient budgets to resource management in the regions including industrial but also regional waste management, from private households to industrial and commercial waste. We had a construction engineer in our team, which is why sustainable building construction was a point of interest right from the start. And it’s only a short way from sustainable construction to demolition waste. I became interested in nutrition on account of the Vienna Hospital Association (Krankenanstaltenverbund). This lead to lots of studies ranging from food waste prevention and the environmental impact of food production to the issue of sustainable nutrition. I am always trying to bring in research projects where we can put theoretical findings to practical use once the projects are done.

Urban Mining: The metabolism of a region is likewise part of your work. What does that involve?

Daxbeck: That is the metabolism in a region which is determined by the materials used and these include the different resources. It’s about identifying the relevant processes in a region. The aim is to shed light on all the stages from primary production and business (this includes private households but also individual companies that are relevant for resource management) to waste management, keeping in mind the environmental processes. A region usually has a key operator that not only creates value but also, as the case may be, causes pollution or emissions.

Urban Mining: So your remit covers a wide range?

Daxbeck: It’s extremely broad. We are constantly working on several processes at the same time. I’m well acquainted with agriculture, its products and its transportation issues. I’m well versed in food, industrial kitchens where food is processed. I am familiar with the phosphorus budget, which explains the nutrients, the ground water issue all the way to the private household. I know about waste management and the anthropogenic storage installations. I know what sustainable construction is about, sustainable nutrition and we evaluate lots of processes by drawing up eco-balances – it’s very thrilling to scamper about in these many different fields.

Urban Mining: Are you able to keep an overview while you’re busy with all this?

Daxbeck: So far, we’ve carried out over 100 projects and, barring a few exceptions, I am very, very familiar with what they’re all about. I read all my projects, revise them and comment them as well – that takes an incredible amount of time and effort. But that’s how I make sure I know them.

I find the work I do extremely fascinating because it’s happening at the interface between research and application. Both options are open to me and I really try very hard to take advantage of the full potential. I absolutely get a kick out of that. And I have a team I can really rely on. That’s worth gold.

Urban Mining: Every type of work has a dark side to it. What are the problems you face?

Daxbeck: Public research funds are being rapidly depleted and there are no private funds to make up for this decline. We have no lobby and neither do I want to give up my independence and I feel that we – as a small institute – are in for our share of problems. What exasperates me most is there’s no way for me to influence it. I feel the pressure resulting from the massive loss of financial backers and will presumably be unable to make amends for this through private projects. And what I really don’t enjoy very much is all that artificially induced stress you get when it comes to settling accounts: I took part in the fourth, fifth and in the sixth EU Research Framework Programme. At the time, project management was no issue. But nowadays I’m confronted by things I can hardly figure out and that’s very irritating. I have to deal with matters that have nothing to do with the project and the theme, otherwise funds will be withdrawn. The length of the prefinancing periods has increased exorbitantly in recent years. These days, I wait more than a year for the EU reimbursement of spent funds, as a result the prefinancing periods is now gradually approaching the two-year limit. Moreover, the costs incurred in EU-funded projects are not reimbursed in their entirety. What this means for me is that, since we are financed exclusively through projects, I have no choice but to reinvest the proceeds from my other projects into EU projects so I can afford this “EU project” hobby of mine.

Urban Mining: Out of the approximately 100 research papers you completed – do you have a favourite where you would say that it’s the best?

Daxbeck: Naturally there is. In the hospital sector, for instance. AMOR – a major league project involving resource management in business operations. In this project, we set out to determine whether, in addition to implementing waste-prevention measures and optimising separated waste collection, resource consumption can be reduced as well. For example: We use 6 million disposable gloves. Will we be able to reduce consumption by 10%? The lady director at the time was very keen on putting our theoretical considerations into practice. In terms of disposable gloves, we were able to reduce consumption by up to 30% in some wards – a sustainable reduction in the use of resources that continues to be effective even a year after the research project ended. And we were able to do this in the hospital sector of all areas, where waste prevention is a very difficult issue.

Urban Mining: If you were to leave RMA one day, where would you want change to have taken place?

Daxbeck: Closing down RMA would be great because there are no more topics relating to resource management that merit any debate. However, I believe that we’ll be needing resource management even then – and I am deliberately saying resource management and not urban mining (as that would fall short of the mark).

Urban Mining: Do you believe that RMA will still be around in 50 years?

Daxbeck: I would be pleased to see more non-university institutions around the world working on this issue. Nevertheless that’s an interesting question – I will add it to the agenda as an item for our next monthly RMA meeting. Only my co-workers can answer that question. I’ll let you know the answer.

Urban Mining: We look forward to that and would like to thank you for the interview.

Personal profile: Hans Daxbeck has been working in the fields of “waste management” and “regional resource management” since 1988. He has many years of experience in project management and in the implementation of international projects. Alongside AMOR, Daxbeck and his team have likewise developed ENBA ( Developing a strategy for the sustainable use of demolition waste) and the KUPFER study (Operationalizing the results of Austria’s Cu Budget as a contribution to copper resource management in Austria). The RMA website is really worth a visit.

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