Die Bel Etage am Zauberberg

Das Südbahnhotel war einst das größte Grandhotel Mitteleuropas. Hier traf sich der Adel, später wurde es zum Treffpunkt bedeutender Künstler. Seit den 1970er Jahren ist das Hotel geschlossen und seine Zukunft ungewiss. Yvonne Oswald hat mit ihrem Bildband Gebäude und Stimmung eingefangen und legt weit mehr als eine Bestandsaufnahme dar.

Mit der Errichtung der Südbahn erfolgte in den 1870er Jahren die Erschließung des Semmerings (Niederösterreich). Viele Wiener konnten nun diese Region mit der Eisenbahn besuchen. 1882 entstand das Südbahnhotel, das damals größte und bestausgestattete Grandhotel Mitteleuropas. Anfangs verkehrten in diesem prachtvollen Gebäude die Mitglieder des Herrscherhauses, später gingen bedeutende Künstler ein und aus: Arthur Schnitzler, Hugo von Hoffmannsthal, Karl Kraus, Peter Altenberg oder Gustav Mahler – um nur einige zu nennen – genossen nicht nur die beeindruckende Architektur und die reizvolle Landschaft, sondern sie waren hier auch unter sich, am Berg, und ließen sich inspirieren.

1938 wurde die Region von den Nazis als „judenfrei“ erklärt und die Gäste von einst blieben für immer aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Hotel zum Ferienziel für „Displaced Persons“, meist Juden, die das Konzentrationslager überlebten und in Wien eine neue Heimat gefunden haben. Doch mit dem Aufkommen des Ferntourismus, verlor der Semmering insgesamt seinen Reiz, und das Hotel wurde in den 1970er Jahren geschlossen.

Die Fotografin Yvonne Oswald begab sich die letzten fünf Jahre auf Spurensuche und erforschte jeden Winkel dieses leerstehenden Hotels, das dem Verfall preisgegeben ist. In ihren Fotos stellt sie sehr gut die gewaltige Weitläufigkeit des Gebäudes dar, zeigt Aufnahmen mit scheinbar unendlichen Zimmerfluchten und nicht enden wollenden Gängen. Sie beleuchtet das teilweise noch original erhalten gebliebene Mobiliar, zeigt Tapeten und Böden, die allmählich zerfallen und verbleichen. Objekte des großbürgerlichen Wohnens erhalten besonderen Stellenwert: ein Diwan, Spiegel und Luster im Großformat. Auffallend bei ihren Fotos ist die immer wieder kehrende Spiegelung: Unschärfe und Verzerrung als mögliche Darstellung der Vergangenheit. Auf den Fotos des Schwimmbades wird der Zustand des Verfalls besonders ersichtlich und eine schon lange nicht mehr benutzte Dusche im Freien erscheint als ein verrostetes Skelett.

Das Buch von Yvonne Oswald ist keine klassische Architekturfotografie. Es ist vielmehr ein sensibles Porträt eines Körpers aus vergangener Zeit, an dem empfindlich der Zahn der Zeit nagt.

Noch ist es aber nicht zu spät, das Juwel vor dem Untergang zu bewahren. Eine vernünftige Nachnutzung könnte das Gebäude wieder mit neuem Leben erfüllen und auch einen wichtigen Motor für die gesamte Region Semmering in Gang setzen.

Das Südbahnhotel. Am Zauberberg der Abwesenheit – Fotografien von Yvonne Oswald; Metroverlag

Die gleichnamige Ausstellung „Das Südbahnhotel. Am Zauberberg der Abwesenheit.“  Ist noch bis 11. Jänner 2015 im Museum Judenplatz in Wien zu sehen.

Alle Fotos: © Yvonne Oswald

The book „Das Südbahnhotel“

is an artistic photographical work about one of the most important palace hotel in Central Europe. The photos of Yvonne Oswald show the break of a culture and the vacuum left through the murder and expulsion of the Jews.

The Magic Mountain Abandoned – Photographs by Yvonne Oswald; Metroverlag

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