Junge Forschung zu Urban Mining

Maximilian Gabriel hat am Institut für Geographie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität eine beachtliche Seminararbeit vorgelegt. Unter dem Titel „Abfall als Rohstoff – das Potenzial von Urban Mining für die Nachhaltigkeit“ beleuchtet der Student die Idee des Urban Mining aus verschiedenen Perspektiven. Neben Grundlagen und Definition des Konzeptes geht er auf die Vor- und Nachteile des Urban Mining gegenüber dem konventionellen Rohstoffabbau ein. Und es zeigt sich, dass die Hemmnisse in der Neuartigkeit des Systems begründet liegen: sowohl wirtschaftliche und rechtliche Belange wie auch politische und soziale Komponenten hemmen die weitere Verbreitung von Urban Mining. Und es ist gerade die Zusammenarbeit mit Städten, die Probleme bei der Durchführung von Urban-Mining-Strategien aufwerfen kann. Trotz dieser Schwierigkeiten ist Urban Mining weit mehr als ein theoretisches Konzept – das beweist eine Unterkategorie des Urban Mining, das Landfill Mining, bei dem es um die Wiederverwertung von Abfällen geht. Landfill Mining wird schon seit Jahrzehnten praktiziert und spielt auch bei Großprojekten (z. B. die innovative Wohnsiedlung „Waldmühle Rodaun“) eine immer größer werdende Rolle.  

In seiner Arbeit kommt Gabriel zum Schluss, dass Urban Mining eine „theoretisch konkurrenzlose Strategie“ ist. Die beispielhaften Pilotprojekte zeigen eine erfolgreiche Umsetzung. Allerdings hapert es an den Rahmenbedingungen, die eine breitere Anwendung derzeit hemmen. In der Strategie selbst schlummert großes Potenzial. Aber es bedarf auch der Optimierung beim Produktdesign wie der Entwicklung neuer Methoden, um die Transparenz anthropogener Lagerstätten zu erhöhen.

Die Seminararbeit können Sie hier downloaden: Seminararbeit_publish.

Für die Seminararbeit hat Maximilian Gabriel ein Experteninterview mit Brigitte Kranner, Geschäftsführerin von Altmetalle Kranner, geführt, das Sie im Folgenden nachlesen können.

Urban Mining – mehr als nur Recycling?

Brigitte Kranner: Urban Mining ist mehr als nur Recycling. Urban Mining ist ein Denkmodell, um – vor allem – Ballungsräume als Sekundärrohstofflieferanten zu erkennen. Wir sind umgeben von Sekundärrohstoffen, haben mit viel Energie und Kraft riesige anthropogene Lager angelegt und sollten lernen, diese gut zu nützen. Urban Mining ist aus volkswirtschaftlicher Sicht ein wesentlicher Beitrag zur Versorgung mit Rohstoffen. Auf die Primärressourcen greifen immer mehr Menschen mit immer größeren Ansprüchen auf rohstoffintensive Lebensqualität zu. Das wird knapp.

Maximilian Gabriel: Inwiefern spielt Downcycling eine Rolle bei der Gewinnung von Sekundärrohstoffen? Gibt es qualitative Verluste bestimmter Materialien im Rahmen von Urban Mining?

Brigitte Kranner: Downcycling bedeutet, dass man die adäquaten Recyclingtechniken noch nicht gefunden hat oder deren Einsatz sich zum jeweils aktuellen Zeitpunkt noch nicht rechnet. Downgecycelte Stoffe sind das Ergebnis diverser Recyclingaktivitäten. Unter Umständen ist ein solches Material ein weniger wertvoller Sekundärrohstoff, aber immer noch Sekundärrohstoff.

Maximilian Gabriel: Wer sind die Hauptabnehmer aufbereiteter, recycelter Sekundärrohstoffe?

Brigitte Kranner: Es gibt jetzt schon – und hat es auch immer gegeben – einen vitalen Sekundärrohstoffmarkt bei Metallen und auch teilweise bei Kunststoffen. Bei Baurestmassen ist der Markt erst im Entstehen. All jene Verarbeiter, die Primärrohstoffe einsetzen, setzen auch Sekundärrohstoffe ein, weil diese billiger sind. Das geschieht aus betriebswirtschaftlichen Gründen.

Maximilian Gabriel: Städte gelten als die Rohstoffquellen der Zukunft. Wie beurteilen Sie das Potenzial infrastruktureller und städtischer Strukturen bezüglich ihrer Recyclingfähigkeit?

Brigitte Kranner: Prinzipiell sehr gut, denn der Rohstoff ist schon da. Da auch noch heute beim Bau von Gebäuden und Infrastruktur das Ende nicht mitgedacht wird, wird das Recyceln in manchen Bereichen schwierig, als Beispiel seien hier die Verbunddämmstoffe genannt. Es wird diesbezüglich noch viel Denkarbeit in die Entwicklung von Recyclingtechniken fließen müssen, aber Anfänge sind schon gemacht, wie zum Beispiel der zerstörungsfreie Rückbau statt einfaches Abreißen von Gebäuden.

Maximilian Gabriel: Gibt es Ihrer Meinung nach eine Differenzierung innerhalb von Städten nach mehr oder weniger geeigneten Rohstofflagern (beispielsweise Außenbezirke vs. Innenstadt oder oberflächlich vs. unterirdisch)?

 

Brigitte Kranner: Ja, gibt es. Es gibt aber kaum Forschungsarbeiten darüber. Grundsätzlich ist das anthropogene Lager einer Stadt natürlich ergiebiger als z. B. das eines Dorfes. Dafür ist es im Dorf leichter zugänglich. In Städten liegen Stromleitungen oft unter betonierten oder asphaltierten Straßen, Gehsteigen oder Plätzen und eine Rückgewinnung ist aufwendig und kann zu Verkehrsproblemen führen. Am Land hingegen liegen die Leitungen meist einfach in der Erde. Siehe dazu die Forschungen von: Mats Eklund.

Maximilian Gabriel: Welche Hemmnisse (bürokratischer, rechtlicher, ökonomischer oder auch sozialer Natur) sehen Sie für die Durchführung von potenziellen Urban-Mining-Vorhaben innerhalb von Städten?

Brigitte Kranner: Ich würde hier den Begriff „Urban-Mining-Vorhaben“ gerne durch den Begriff Recyclingvorhaben ersetzen. Ein großes Hindernis sehe ich darin, dass die meisten Sekundärrohstoffe noch immer als Abfälle gelten. In den Köpfen der Politik und Verwaltung geht es dabei immer noch um das Beseitigen von Abfällen und nicht um das Rückgewinnen von wertvollen Rohstoffen. Die EU-Kommission hat das erkannt und für einige Abfälle sogenannte Abfallende-Verordnungen erlassen. Ein Anfang.

Maximilian Gabriel: Glauben Sie, dass durch Urban Mining eine (vollständige) Kreislaufwirtschaft realisierbar ist oder in Zukunft realisierbar sein kann?

Brigitte Kranner: Ja, das wird möglich sein – in weiter Zukunft. Aber nicht, ohne dass wir schon beim Produktdesign, egal ob im Bau, in der Infrastruktur, im KFZ-Bereich oder bei technischen Geräten die Wiederverwendung oder zumindest Teilwiederverwendung, die Rückgewinnung und Wiederverwertung der verwendeten Rohstoffe mitplanen. Davon sind wir weit entfernt.

Latest Research on Urban Mining

Maximilian Gabriel has presented a formidable term paper at the Department of Geography of the Ludwig-Maximilians University in Munich. In his paper entitled „Waste as Raw Material – the Sustainability Potential of Urban Mining“ he illuminates the urban mining idea from various perspectives. In addition to presenting the underlying principles and defining the concept, he discusses the pros and cons of urban mining, comparing it with conventional raw material extraction. And it becomes clear that the impediment lies in the novelty of the system: both economic and legal concerns but also political and social components are preventing the propagation of urban mining. And it is precisely the cooperation with cities that can give rise to problem issues in the implementation of urban mining strategies. Despite these difficulties, urban mining is far more than a theoretical concept – as demonstrated by landfill mining, a sub-category of urban mining, which is essentially about the recovery of waste. Landfill mining has been practiced for decades and plays an ever more important role in large-scale projects (e.g. the innovative „Waldmühle Rodaun“ housing project). 

In his paper, Gabriel comes to the conclusion that urban mining is a „theoretically unrivalled strategy“. Exemplary pilot projects show how it has been successfully implemented. However, general framework conditions for broader application are currently lacking. Great potential lies slumbering in the strategy itself. The product design needs to be optimised as well and new methods need to be developed to enhance the transparency of anthropogenic deposits.

For his term paper, Maximilian Gabriel conducted an expert interview with Brigitte Kranner, managing director of Altmetalle Kranner. The interview is provided below.

 

 

Urban Mining – more than mere recycling?

Brigitte Kranner: Urban mining is more than mere recycling. Urban mining is a conceptual model that – on the whole – identifies conurbations as secondary raw material suppliers. We are surrounded by secondary raw materials, have lots of energy and power stored in huge anthropogenic deposits and should learn to put them to use. From an economic perspective, urban mining contributes substantially to raw material supplies. A growing number of people are resorting to the use of primary resources in their ever increasing quest for a raw-material-intensive quality of life. It will be a tight squeeze.

Maximilian Gabriel: To what degree does downcycling play role in the recovery of secondary raw materials? Do certain materials suffer a qualitative loss in urban mining?

Brigitte Kranner: Downcycling means that an adequate recycling technology has yet to be found or that the application of a recycling technology does not pay yet. Downcycled materials result from various recycling activities. The resulting material may be a less valuable secondary raw material, but it still is a secondary raw material.

Maximilian Gabriel: Who are the main purchasers of processed, recycled secondary raw materials?

Brigitte Kranner: A secondary raw material market for metals and, to some extent, for plastics already exists – and has always existed. The market for construction and demolition waste is only now emerging. All processors who use primary raw materials also use secondary raw materials because they are cheaper. This comes from commercial considerations.

Maximilian Gabriel: Cities are considered the raw material source of the future. How would you assess the potential of infrastructure and urban structures in terms of their recyclability?

Brigitte Kranner: Generally, the potential is very high, because the raw materials are there already. Recycling becomes difficult in some areas because, when putting up buildings and infrastructure, no thought is given to the end, even today; composite insulation materials are just one example. Much thought still needs to be invested in the development of recycling technology, but initial steps have been taken; an example would be non-destructive dismantling instead of the simple demolition of buildings.

Maximilian Gabriel: Do you believe a differentiation is made in cities between more and less suited raw material storage sites (e.g. peripheral districts v. city centre or surface vs. underground)?

Brigitte Kranner: Yes, I do. However, hardly any research is being done on this. Generally, an anthropogenic storage site in a city is by its very nature more productive than such a site in a village, for instance. A village is easier to access, however. In cities, power lines are placed under concrete or asphalt roads, pavements or squares and their recovery requires a major effort and can induce traffic problems. In rural regions, by contrast, the lines are usually merely covered by soil. For more on that, read up on the research conducted by Mats Eklund.

Maximilian Gabriel: In your view, what obstacles are there (of bureaucratic, legal, economic or even social nature) to implementing potential urban-mining projects within cities?

Brigitte Kranner: I would like to replace the term „urban-mining projects“ with the term recycling projects. I see one major obstacle in the fact that most secondary raw materials are still considered waste. Politicians and the administration are still set on doing away with waste and not on recovering valuable raw materials. The EU Commission has recognised this and, for some time of waste, it has adopted what are termed end-of-waste regulations. It’s a start.

Maximilian Gabriel: Do you believe that a (complete) cyclical economy can be created through urban mining or will be created in future?

Brigitte Kranner: Yes, it will be possible – in the distant future. But not if we fail to make plans, as early as in the product design stage, for the reuse or at least partial reuse, recovery and recycling of the raw materials used, be it in the field of construction, infrastructure, passenger cars or technical devices. We still have a long way to go before we get there.

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