Mein Tisch, der heißt Glas Nost

Normalerweise sind es Männer, die mit liebevollen, fast schmeichelnden Blicken Elektrogeräte begutachten. Diesmal gesellt sich zu zwei Männern auch eine junge Frau. Zu dritt stehen sie vor vollen Regalen, in denen ein Verstärker neben den anderen geschlichtet ist, eine Box sich über der nächsten stapelt. Dazwischen Mischpulte, CD Player, Plattenspieler. Wenn man den Blick, wie diese drei, ein bisschen genauer durch den Raum gleiten lässt, dann entdeckt man einige Raritäten oder zumindest besonders hübsche Geräte, die wohl eher in den Wohnzimmern der Großmütter und Großväter oder sogar Ur-Großeltern zu finden waren. Dort wurde ihnen zumeist wenig Beachtung geschenkt, denn was Oma gehörte, hat irgendwie einen fahlen Glanz oder ist ganz einfach nicht modern. Und warum etwas aufheben, wo es Neues gibt oder es uns doch allen an Platz zu mangeln scheint. Außerdem sind die neuen Geräte in unfassbaren Größen, zu unschlagbaren Preisen scheinbar für jeden erschwinglich. Fernseher und Stereoanlage sind Statussymbole, die oft in schier unfassbaren Ausführungen in Wohnungen auch von nicht so gut situierten Bürgern stehen. „Die Österreicher haben noch immer eine Wegwerf-Mentalität“, sagt Silvia Schweiger vom Demontage- und Recycling-Zentrum im 14. Bezirk in Wien. „Im Westen von Europa lautet das Prinzip anscheinend: Schmeiß weg und kauf was Neues. In Osteuropa ist das anders. Aber die haben ja auch einen ganz anderen Lebensstandard.“ Trotz unseres Verschwendertums geht die Entwicklung aber dennoch in Richtung Wiederverwertung. Nur beim Einzelverbraucher ist das noch nicht angekommen. Deswegen landen noch immer genug Elektrogeräte im Demontage- und Recycling-Zentrum, dem so genannten DRZ, einem Ableger der MA 48. Das DRZ ist schlicht ein Abfallsammler und -behandler, spezialisiert auf Elektrogeräte. Gearbeitet wird im Rahmen des Abfallwirtschaftsgesetzes.

Ein Stoffkreislauf, der Sinn macht

Nachdem wir unsere alten, oft funktionstüchtigen Elektrogeräte entsorgt haben, geht die Arbeit für die Mitarbeiter des DRZ los. Manuell werden alle Geräte in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt. Im ersten Schritt werden sämtliche gefährlichen Inhaltsstoffe entfernt. Dabei handelt es sich um Batterien, Kondensatoren und manchmal noch Quecksilber. Mit der Hand deshalb, weil es die allergrößte Sicherheit bietet. Danach werden die Teile getrennt gesammelt und wertvolle Materialien wieder verkauft. In all unseren elektronischen Geräten befinden sich Stoffe, die mittlerweile schon selten geworden sind oder in Zukunft als primärer Rohstoff schwieriger zu gewinnen sein werden. Deswegen wird zunehmend darauf geachtet, diese Materialien so lange wie möglich im Stoffkreislauf zu behalten. Das macht einfach Sinn. Die Menschen in ihren Städten eignen sich hervorragend als Schürfer in diesen modernen Minen. Davon spricht auch Urban Mining. Die Stadt als Quelle für Rohstoffe. Genau in diese Kerbe schlägt das DRZ. Viele Materialien befinden sich unter uns, es lohnt sich, sie zu erhalten und wieder zu verwenden. Für den sozialökonomischen Betrieb ist das außerdem eine sehr gute Einnahmequelle.

Transitarbeitskräfte – kommen, um zu gehen

Das DRZ kümmert sich nicht nur um unsere vernachlässigten elektrischen „Spielzeuge“, sondern hat auch noch einen wichtigen sozialen Aspekt. Die meisten Mitarbeiter sind Langzeitarbeitslose. Das bedeutet, sie waren mindestens ein Jahr arbeitslos. Viele von ihnen länger. Vom AMS werden sie an den Betrieb weitervermittelt. Im Bewerbungsgespräch wird eruiert, ob der Bewerber sich für eine der Abteilungen eignet. Wenn ja, dann beginnen sechs Monate, in denen er nicht nur einem bezahlten Job nachgeht, sondern auch die Unterstützung von SozialpädagogInnen erhält, bei der Suche nach einer dauerhaften Anstellung. Denn im DRZ können sie nur eine beschränkte Zeit verbringen. Das Rad muss sich weiter drehen, denn es gibt immer wieder neue Bewerber vom AMS, die auf ihre Chance warten. „Wir sind vom AMS dafür eingesetzt worden, diesen Menschen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern. Nachdem sie bei uns angelernt wurden, beginnt ein normaler Berufsalltag. Nebenbei werden sie unterstützt beim Aufspüren von offenen Stellen, Bewerbungsunterlagen schreiben, bis hin zur Vorbereitung auf das Vorstellungsgespräch“, berichtet Isabelle Nagl, Sozialpädagogin am DRZ. Manchmal dürfen Mitarbeiter auch länger bleiben. Dann wenn sie sich besonders gut in einer Abteilung machen. Wie zum Beispiel Rainer Kudlacek. Er ist frisch gebackener Abteilungsleiter. Und er ist derjenige, der mit prüfendem Blick die Elektrogeräte begutachtet. Seit einem halben Jahr wird eine neue Abteilung groß aufgebaut. Die Vorbereitung zur Wiederverwertung. Denn das ist ein großes Thema geworden: Geräte in ihrer ursprünglichen Form wieder zu verwenden. Auch wenn sie mal jemand weggeworfen hat. Die Geräte werden geprüft, gereinigt und wieder in den Verkauf gebracht. Und das nun unter Rainer Kudlacek, der mit großer Freude seine Abteilung leitet. Zu ihm kommen auch die Raritäten: alte Filmprojektoren in wunderschönen Kisten, schmucke Verstärker, die in einen Holzmantel gehüllt sind, Mikrofone, die von vergangenen Zeiten erzählen. Wunderschön. Und spannend. Wir werfen gerne noch einen genaueren Blick auf die Geräte, denn es scheint, als könnten sie eine Geschichte erzählen.

Friedhof der Waschmaschinen

Weiter unten im Gebäude in der Vogtstraße geht es weniger romantisch zu. Hier gelangen die Geräte als erstes hin und hier wird entschieden was mit ihnen passiert. Wieder verwenden in ihrer ursprünglichen Form oder zerlegen und die Teile auf andere Weise in den Kreislauf zurückführen. Ungefähr 40 Männer und Frauen, mehr Männer als Frauen, arbeiten in der großen Halle, um die Geräte in ihre einzelnen Bestandteile zu trennen. Es ist laut und dreckig. Oft ist es schwer die Teile auseinander zu basteln, es muss nachgeholfen werden, am besten mit einem Hammer oder indem man sie gewaltvoll auf den Boden schmeißt. Es türmen sich Computer, reihen sich Waschmaschine an Waschmaschine, Kabelsalate, Leiterplatten, Elektronikleichen. Es ist heiß an diesem Tag, die Arbeit bestimmt anstrengend. Ein paar machen gerade Pause, sitzen rauchend an dem dafür vorgesehenen Platz und unterhalten sich. „Macht ihr eure Arbeit gerne?“ – „Ja“, antwortet ein Mann in Jeans und T-Shirt mit einer Computer-Tastatur in der Hand. Er lächelt. „Es ist eine Chance und es ist Arbeit. Das ist wichtig.“

Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Zwei junge Frauen zeigen großes Interesse an den alten Tastaturen. Aber nur die, die ihr Äußeres noch nicht von Weiß oder Grau in vergilbtes Weiß und Grau verwandelt haben. Nur die „Schönen“ sollen es sein. Diese werden sorgfältig ausgesucht und fertig gemacht für den Transport in eines der oberen Stockwerke. Dort ist die Werkstatt der Trash Design Manufaktur, kurz TDM und eine Abteilung des DRZ, zu Hause. An Tischen wird aus Tastaturen, Leiterplatten, Handytasten, Dioden und ähnlichem Schmuck, der nicht nur Spaß macht, sondern auch eine besondere Art der Wiederverwertung ist. Schöne Halsketten, Armbänder und Ringe. Aber nicht nur aus kleinen Teilen werden Gegenstände kreiert. Aus Waschmaschinentrommeln werden Couch- oder auch Bartische, aus den Bullaugen der gleichen Geräte entstehen Schüsseln. Sie werden sandgestrahlt, mit Schablonen Muster geformt. Danach werden die Kunstwerke verkauft. Kunstwerke, die durch Idee und Umsetzung ernst genommen werden. „Woher stammen denn die Ideen für den Schmuck oder die Möbel?“ – „Darauf kommen unsere Transitarbeitskräfte. Beim Arbeiten mit diesen Materialien und Gegenständen, beim Basteln fallen ihnen diese Dinge ein. Wir sind sehr stolz darauf, was bisher schon daraus hervorgegangen ist. Natürlich werden die Ideen entwickelt und getestet. Sie müssen im Alltag funktionieren.“ Weiter geht es in den Shop, der auch an das DRZ angeschlossen ist. Vier Mitarbeiter ordnen liebevoll den Schmuck und führen ihn mit großer Freude und Stolz vor.

Den Berg der Elektrogeräte erklimmen

1250 Tonnen landen im Jahr im Demontage- und Recycling-Zentrum. Die Hälfte davon sind Großgeräte wie Waschmaschinen. Der erste kreative Gegenstand entstand auch aus einer Waschmaschine. Ein Couchtisch, der heute den Namen Glas Nost trägt. Seit 2003 entstehen tolle Produkte in diesem Haus, hoffentlich noch länger. Wer einmal dort war, kommt wieder und hat mit großer Wahrscheinlichkeit beim Gehen mehr in der Hand als beim Kommen. Halsketten aus Handytasten vielleicht oder eine Salatschüssel aus einem Waschmaschinen-Bullauge, Geschenke … Und das Gefühl, dass etwas einen großen Eindruck hinterlassen hat.

Fotos: Marion Luttenberger

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