Phönix aus der Asche: Agbogbloshie 2.0

Agbogbloshie 2.0

Agbogbloshi heißt jener Teil der ghanaischen Hauptstadt Accra, in dem eine der größten Elektro-Müllhalden der Welt liegt. Zigtausende Tonnen illegaler Elektroschrott – auch aus Europa – gelangen Jahr für Jahr nach Agbogbloshi. Der gerade vor wenigen Tagen in Deutschland angelaufene Dokumentarfilm „Welcome to Sodom“ versucht die Ausmaße dieses digitalen Friedhofs einzufangen. Agbogbloshi steht auch im Zentrum der Masterarbeit von Georg Wieser. Doch entgegen dem alltäglichen Horror skizziert er mit seinem Werk einen Ort mit Zukunft, Selbstbestimmung und Hoffnung: „Agbogbloshi 2.0. Heterotopian Urban Mining Collective – Accra/Ghana“.

Die Ziege erklimmt den kaputten Kühlschrank mit der gleichen Geschicklichkeit wie den Felsen, der kleine Junge balanciert den eingeschlagenen Fernseher am Kopf wie einen Wasserkrug und die Gruppe Jugendlicher sitzt um die brennenden Kabel wie beim Kühe-Hüten rund um das Lagerfeuer. Der Boden ist unter den Resten von Computern, Printplatten, Druckern, Laptops oder Scherben von Bildschirmen gar nicht mehr zu sehen.

Die Rede ist von Agbogbloshie, der größten „Elektronikschrott-Aufbereitungsanlage“ der Welt, mit über 40.000 „Beschäftigten“ an einem der am schlimmsten verseuchtesten Orte der Welt. Agbogbloshie ist ein Stadtteil von Accra, der Hauptstadt Ghanas und hat als Endstation von illegalen Exporten von Elektronikschrott traurige Berühmtheit erlangt.

Ruft man Agbogbloshie in Suchmaschinen auf, finden sich abertausende Einträge und unzählige Fotos. Es sind Bilder des Grauens, des Sterbens der Umwelt, der Verzweiflung und des Leidens. Kein schöner Fleck Erde.

Und genau diese Fotos waren für den – unter dem Künstlernamen x04x arbeitenden Tiroler Georg Wieser der Ausgangspunkt für seine Masterarbeit am Institut für experimentelle Architektur an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck. „Agbogbloshie 2.0. Heterotopian Urban Mining Collective – Accra / Ghana“ ist der Titel seiner Arbeit. Georg Wieser hat Ghana nie besucht. Mit der im Internet vorhandenen Information und den Bildern hat er eine Utopie für Agbogbloshie entwickelt, eine Transformation hin zu Agbogbloshie 2.0.

Agbogbloshie 2.0

Mit der Arbeit an seiner Masterarbeit hat sich für Georg Wieser auch die Sichtweise auf Agbogloshie geändert: „Agbogloshi ist trotz allem ein Ort der Selbstbestimmung, auch ein Ort der Hoffnung, von dem aus sich viele Menschen ihre Existenz aufbauen. Die Menschen dort leben unter enormen Umweltbelastungen, aber trotzdem in Würde“, korrigiert er das negative Bild.

Von Michel Foucault hat er den Begriff der Heterotopie ausgeliehen. Diesen zu verstehen sei gar nicht so einfach und Georg Wieser muss weit ausholen, um den Begriff zu erklären:

„Michel Foucault meint mit seinem Begriff der Heterotopie Gegenorte, diese stellen eine Art Spiegelbild der Gesellschaft dar.

Dies kann ein Kloster oder ein Bordell oder ähnliches sein. Es sind auf jeden Fall Orte, die immer eine Reaktion auf die vorherrschenden Verhältnisse darstellen. Und diese entweder durch strikte Regeln überformen oder durch Bruch der Regeln zu einer Art Ventil für unterdrückte Bedürfnisse werden.

Agbogbloshie ist in dieser Hinsicht eine mehrfache Heterotopie. Es ist in seiner jetzigen Form ein Gegenort unserer Konsumgesellschaft. Auf der einen Seite leben wir mit unseren neuen elektronischen Spielereien in einer relativ sauberen Umwelt, auf der anderen – uns verborgenen – Seite stehen die Zustände in Agbogbloshie. Diese zeigen eindringlich, welchen Einfluss unser Konsumverhalten auf Mensch und Umwelt hat.

Zum anderen ist mein Entwurf ein heterotopischer weil er als umgesetzte Utopie ein Kollektiv realisieren könnte, welches sich nach seinen eigenen Regeln am Rand der gängigen kapitalistischen Verwertungslogik ansiedelt und daraus neue fortgeschrittene Konsum- und Gesellschaftsmodelle schaffen könnte.“

Agbogbloshie 2.0

Und Georg Wieser ist noch nicht am Ende seinen Masterplan für seine Masterthese und für Agbogloshi zu erläutern: „Der Entwurf ist eine Reaktion auf Bestrebungen der Stadtregierung von Accra, welche die Bewohner von Agbogbloshie zwangsumsiedeln will, um die Lagune wieder zu begrünen.“ Da dies die Entwurzelung von tausenden Menschen bedeuten und das Problem nicht lösen würde, sondern nur verlagern, entschied Wieser sich für einen Entwurf, der in einer schrittweisen Entwicklung die gegebenen Verhältnisse intensiviert und formalisiert, um damit die Lebensumstände und wirtschaftlichen Möglichkeiten der Bewohner unter Bewahrung ihrer Selbstständigkeit zu verbessern.

Der Masterplan reagiert also auf die vorgefundenen Verhältnisse und verortet den Entwurf in der Lagune, zwischen Zwiebelmarkt, Industriezone, Finanzdistrikt, Recyclingzentrum und all dem, was eine Stadt sonst noch benötigt.

Agbogbloshie 2.0

Stadtentwicklung bedeutet aber auch eine Entwicklung zu immer besseren Lebensbedingungen. Diese läuft in der Utopie Wiesers so ab: Supervision und Intensification, Autonomization, Vitalisation and Rapture.

Agbogbloshie 2.0

Auch die Gebäude wachsen in die Höhe, werden bis zu 100 Meter hoch und bestehen großteils aus den Materialien der Deponie.

Georg Wieser geht ins Detail: „Die Gebäude bestehen aus einem statischen Kern, der aus Beton, Holz und Stahl gefertigt wird. Dieser Kern gibt nur eine grobe Gliederung vor, sorgt für statische Sicherheit. Die tatsächlichen Räume werden dann von den Bewohnern mit lokal gesourcten Materialien ausgebildet wie z. B. der Torre David in Caracas, Venezuela.“

Agbogbloshie 2.0

Die Gebäude strukturieren sich immer wieder rund um grüne Inseln.

Agbogbloshie 2.0

Besonders beindruckend ist die Idee mit einem Turm in Form einer Wendeltreppe: Dort wird Phytomining betrieben: das Gewinnen von Metallen durch Pflanzen. Die kontaminierte Erde wird in Kübeln gefüllt und durch Pflanzen gereinigt.

Agbogbloshie 2.0

In einem Zeichenprogramm für Architekten wurden Algorithmen verändert, damit die Bauten nicht so beliebig aussehen. Diese Erklärung ist Georg Wieser natürlich nicht präzise genug und gibt spannende Details zur Arbeitsweise preis: „Die Ästhetik des Entwurfs entsteht durch eine Kombination aus gezeichnetem (geplantem) Entwurf und der Verwendung von algorithmischer Entwurfssoftware. Die groben Züge werden entworfen, dazwischen arbeitet die Software. Im Gegensatz zur klassischen Herangehensweise wird die Software aber nicht benutzt, um glatt geshapte perfekte Flächen zu erzeugen, sondern absichtlich von Zufallsfaktoren und Fehlern (sogenannten Glitches) beeinflusst, um variantenreiche Strukturen zu erzeugen. Durch diese Art der Darstellung wird eine organische Stadtentwicklung abgebildet, die von vornherein Raum für kleinmaßstäbliche Bautätigkeit und Adaptierungen bietet, ja diese sogar als inhärenten Bestandteil der Entwicklung von gebauter Umwelt begreift.“

Agbogbloshie 2.0

Jede Masterarbeit muss über einen Theorieteil verfügen, welcher auch Zitate von Experten enthalten sollte. Bei Georg Wieser ist dieser Theorieteil in die bildliche Darstellung eingearbeitet.

Georg Wieser ist kein naiver Weltverbesserer sondern ein Utopist, der dem Unmöglichen eine Chance und ein Gesicht gibt.

Sich mit seiner Masterarbeit auseinanderzusetzen, ist durchaus eine intellektuelle Herausforderung.

Mehr zum Thema:

Seit Anfang August ist der Film „Welcome to Sodom“ von Florian Weigensamer und Christian Krönes in den deutschen Kinos zu sehen. Eine Dokumentation, die zum Nachdenken über unsere Konsumgesellschaft und die Globalisierung einlädt. Hier geht’s zum Trailer.

Die apokalyptischen Fotoarbeiten von Pieter Hugo für den Bildband „Permanent Error“ wurden bereits auf Urban Mining vorgestellt:

 

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