Recyceln in der Antike

Urban Mining ist als Begriff noch relativ neu, aber schon die Menschen der Antike wussten um den hohen Wert der Rohstoffe Bescheid. Altmetallsammler zogen durch die Städte, es wurde eingeschmolzen und wiederverwendet. Im folgenden Interview mit Sabine Ladstätter, Archäologin und Wissenschafterin des Jahres 2011, erzählt die Expertin, wie die Menschen damals mit ihrem Müllproblem umgingen und welche Umweltdiskussionen sie führten.

Den Begriff Urban Mining hat man zur Zeit der Antike noch nicht gekannt. Welchen Wert hatten die Rohstoffe für die Menschen?

Sabine Ladstätter: Die Rohstoffe waren ein Motor für die Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Ein Beispiel dafür der Obsidian: Ein vulkanisches Glas, aus dem man die Klingen für die Leder- und Fleischverarbeitung hergestellt hat. Da gibt es nur wenige Rohstoffvorkommen wie z. B. auf einigen Inseln in der Ägäis. Diese Regionen waren sehr attraktiv und sie wurden durch den Obsidian-Handel mit dem Rest der Welt verknüpft. Ein zweites Beispiel ist Bernstein. Um an diese Rohstoffe zu kommen, wurden Gegenden in Nordeuropa attraktiv, die sonst für die mediterranen Hochkulturen ja keine Bedeutung hatten. Aber der Rohstoff war so wichtig.

Waren Obsidian und Bernstein die damaligen Favoriten?

Sabine Ladstätter: Zinn war auch ganz wesentlich, weil es für die Kupferherstellung gebraucht wurde. Die Zinnquellen lagen in Persien und Zentralasien. Der Besitz dieser Reserven führte zu einem Wohlstand dieser Regionen und zur Verknüpfung mit jenen Orten, an denen das Endprodukt Kupfer produziert wurde.

Für welche Bereiche wurden die Metalle eingesetzt?

Sabine Ladstätter: Zu Beginn für die Waffenerzeugung, dann für die Landwirtschaft und für das Handwerk. In weiterer Folge entwickelt sich die Schmuckproduktion. Auch im Wohnbau werden Metalle neben Holz verwendet.

Wo befanden sich die größten Abbaugebiete?

Sabine Ladstätter: Silberbergwerke gab es vor allem in Griechenland, aber auch in Spanien und in Dalmatien. Die Tauernregion war beispielsweise eine der Goldquellen: Das Tauerngold hatte eine besondere Qualität. Generell hatte aber jede Region ihre kleinen Minen, wo Abbau stattfand.

In den Städten wurde Metall recycelt. Gab es da eine Stadt mit Vorbildfunktion?

Sabine Ladstätter: Nein. In der Antike hat man überall alles verwertet. Es gab keine Wegwerfkultur. Es gab Altmetallsammler, die von Haus zu Haus gegangen sind. Wir finden teilweise Altwarendepots, die voll waren mit Kupfer und Bronzebeständen, um irgendwann mal eingeschmolzen zu werden.

Keramik war das einzige Material, das massenweise weggeworfen wurde, aber auch da gab es Beispiele der Wiederverwendung: Ging ein Behältnis zu Bruch, so wurden aus den einzelnen Scherben neue Objekte hergestellt wie Gewichte für Webstühle. Aber in Summe sind viele Scherben übrig geblieben – deswegen leben wir Archäologen von der Keramik, weil die eben nicht zur Gänze wiederverwertet wurde.

Haben Sie einmal ein Altmetall- depot gesehen?

Sabine Ladstätter: Ich habe eines selbst in Ephesos ausgehoben. Das war ganz ein lustiges Depot: Kupfer, Bronze und viele Münzen, die keinen Münzwert mehr hatten.

Was kann man unter „keinen Münzwert“ verstehen?

Sabine Ladstätter: Wir sprechen vom Geldwert dann, wenn der Verwendungswert höher ist als der Materialwert. Wenn es einmal soweit kommt, dass die Münzen keinen Geldwert mehr haben, sondern nur mehr Metallwert, dann wird die Geldwirtschaft von der Tauschwirtschaft abgelöst. Und in der Antike gab es Zeiten, wo die Inflation so hoch war, dass die Bronzemünzen nur mehr Materialwert hatten. In solchen Zeiten wurden massenweise Münzen gesammelt, um sie für neue Objekte mit einem höheren Wert einzuschmelzen. Ein sicheres Zeichen, dass die Geldwirtschaft aufgehört hat zu existieren. Das späte 3. Jahrhundert war so eine Zeit.

In der Antike wurden also Metalle recycelt. Aber was ist mit dem Müll passiert, der in den Städten übrig geblieben ist?

Sabine Ladstätter: Ich arbeite viel in Regionen, wo durch eine rege Erdbebentätigkeit viel Bauschutt zusammenkommt. Es gibt Zeiten, in denen die städtische Verwaltung so gut aufgestellt war, dass man tatsächlich den Schutt aus der Stadt heraus in die Vorstadt brachte. In Ephesos gibt es beispielsweise ein riesiges Schuttdepot mit 9 Meter Höhe. In Zeiten allerdings, wo städtische Organisationsformen kriselten, ging man ganz anders damit um: Man planierte den Müll ein. Oder opferte im Haus einen Raum, auf den man verzichten konnte. Dann wurden die Türen zugemörtelt und von oben der Schutt eingelassen, bis der Raum voll war.

In Ägypten wurde der Müll auf die Straße geworfen. Oft lag dadurch eine Gasse zwei Meter höher als der Eingang zu den Häusern. Von oben hat man dann Treppen zu den Eingängen hinunter geschaffen.

Also die große Lösung Müllhalde, die private Lösung im Haus selbst den Müll entsorgen oder alles auf die Straße.

Sabine Ladstätter: Man kennt in Ägypten noch die Form, dass man den Mist auf die Dächer getragen hat. Dort ist er durch die Sonneneinstrahlung extem schnell verrottet. Und häufig sieht man heute noch das ganze Plastik auf den Dächern. Die Tradition der Müllentsorgung ist also noch immer die gleiche geblieben.

Es gab aber auch schon eine Umweltdiskussion. Wie hat diese ausgesehen?

Sabine Ladstätter: Umweltbewusstsein gab es, aber anders als wir das heute verstehen. Es hat ja damals soviele Ressourcen gegeben, dass es diese Zukunftsangst von heute nicht gab. Diese Angst kommt ja erst zu einem Zeitpunkt, seit dem man weiß, dass Ressourcen knapp sind. Umweltschutz in der Antike war ein göttlicher Aspekt. Der Mensch sollte nicht in die Natur eingreifen, denn das ist der göttliche Raum.

Es gab Beschwerden über Müll und Dreck aus dem Beweggrund heraus, sein Umfeld schön zu gestalten. Oder wie aus Quellen hervorgeht, hat man hat sich über den Gestank aufgeregt. Oder auch über Straßenlärm, wenn die Fuhrwerke zu schnell um die Kurve gefahren sind.

Was den Menschen bewusst war, war die Verkarstung. Aber der Grund dafür war ihnen nicht bekannt.

Stichwort: Hafen von Ephesos.

Sabine Ladstätter: Das ist ein gutes Beispiel für diese Verkarstung. 600 Jahre nachdem abgeholzt wurde, musste der Hafen aufgegeben werden. Früher war er direkt vor der Stadt, heute ist er 7 Kilometer entfernt. Die ganze Ebene wurde mit Sand aus dem Hinterland vollgeschwemmt. Diese starke Sedimentation hängt mit der Erosion zusammen, die die Römer verursacht hatten. Sie führten die intensive Landwirtschaft ein, brauchten viel Holz für ihren Schiffbau und für das Betreiben ihrer Thermen. All das hat zwar zu einem wirtschaftlichen Aufschwung geführt, der sich aber Jahrhunderte später als riesiger Bumerang erwies. Die Stadt musste verlagert werden, weil die Natur zurückgeschlagen hat.

Die Römer haben Ressourcen in großem Ausmaß benutzt, und konnten dadurch einen kurzfristigen wirtschaftlichen Aufschwung erzeugen, von dem auch alle in der Region profitiert haben. Aber vom nachhaltigen Aspekt her führte diese Entwicklung zum Untergang.

Was können wir aus der Antike mitnehmen?

Sabine Ladstätter: Ich bin zwar nicht jemand, der glaubt, der Mensch lernt aus der Geschichte, aber ich glaube, die Geschichte kann zur Reflexion anregen. Und dass man sich bewusst sein muss, dass Taten, die ich setze, in der Zukunft Konsequenzen nach sich ziehen, die zum jetzigen Zeitpunkt unabsehbar sind. Und das zeigt die Geschichte sehr schön.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person: Priv.-Doz. Mag. Dr. Sabine Ladstätter ist Archäologin und Grabungsleiterin in Ephesos und leitet als Direktorin das Österreichische Archäologische Institut. Sie wurde zur „Wissenschafterin des Jahres 2011“ gewählt. Ladstätter arbeitete in der Grabungssaison 2011 an der Spitze von 216 Fachleuten aus 16 Ländern und 22 wissenschaftlichen Disziplinen und führte das internationale Team zu wertvollen Funden und neuen Erkenntnissen. 2014 wird ihr Buch „Knochen, Steine, Scherben, Abenteuer Archäologie“ zum besten populärwissenschaftlichen Buch Österreichs gewählt.

Ihr persönliches Urban Mining besteht im sorgfältigen Umgang mit Nahrung. Das Kochen und die verwendeten Rohstoffe sind ihr dabei sehr wichtig. Vorgefertigtes Essen kommt bei ihr nicht auf den Tisch. Das Wissen, was z. B. in einer Palatschinke steckt – das versucht sie ihrer Tochter weiterzugeben. Und auch, dass Ablaufdaten auf den Nahrungsmitteln nicht so ernst zu nehmen sind: „Einfach kosten, ob’s noch gut ist!“

 

Recycling in the ancient world

Urban mining as a term is still relatively new, but people in the ancient world already understood the high value of raw materials. Scrap metal collectors roamed the cities; material was melted and reused. In the following interview with Sabine Ladstätter, archaeologist and Scientist of the Year 2011, the expert recounts how people in those days dealt with the waste problem and what their environmental discourse was about.

The term urban mining was not yet known in the ancient world. What value did raw materials have for people?

Sabine Ladstätter: Raw materials were a driver in the development of human history. An example for this is obsidian: A volcanic glass from which blades were made for leather and meat processing. Sources of obsidian, such as those on a few islands in the Aegean, are few and far between. These regions were very attractive and they were linked to the rest of the world by obsidian trade. A second example is amber. In the context of acquiring possession of these raw materials, areas in Northern Europe became attractive that otherwise had no significance for the Mediterranean high cultures. But the raw material was so important.

Were obsidian and amber the favourites in those days?

Sabine Ladstätter: Tin was also very important, because it was needed in the manufacture of copper. Tin resources were located in Persia and Central Asia. Ownership of these resources brought prosperity to these regions and linked them to the places in which the final product, copper, was manufactured.

What use was made of the metals?

Sabine Ladstätter: In the beginning, they were used for the production of weapons, then for agriculture and the crafts. Jewellery making developed as a consequence. Metals were also used in residential buildings, in addition to wood.

Where were the largest extraction sites?

Sabine Ladstätter: Silver mines were located mainly in Greece, but also in Spain and in Dalmatia. The Tauern region was, for instance, one of the sources of gold: Tauern gold had a special quality. But in general, every region had its own small mines where mining operations were conducted.

In the cities, metal was recycled. Was there a city that functioned as a role model?

Sabine Ladstätter: No. In the ancient world, everything was recycled. There was no throwaway culture. There were scrap metal collectors who went from house to house. We sometimes find scrap metal depots that were full of copper and bronze stocks to be eventually melted down.

Ceramic was the only material that was discarded in large quantities, but even here there have been examples of early recycling: When a container broke, new objects were made from the individual shards, such as weights for looms. But all in all, many shards were left – which is why we archeologists subsist on ceramic, precisely because it wasn’t all recycled.

Have you ever seen a scrap metal depot?

Sabine Ladstätter: I excavated one myself in Ephesus. That was quite a funny depot: copper, bronze, and many coins that no longer had a coin value.

What is meant by “coin value”?

Sabine Ladstätter: We speak of monetary value when the useful value is higher than the material value. Once the point arrives when coins no longer have a monetary value, but only a metal value, then monetary economy is replaced by a barter economy. And in the ancient world, there were times when inflation was so high that the bronze coins had only a material value. During such times, coins were hoarded in large quantities in order to melt them down to make new objects with a higher value. A sure sign that monetary economy has ceased to exist. The late 3rd century was such a time.

So in the ancient world, metals were recycled.  But what happened to the waste that remained in the cities?

Sabine Ladstätter: I work a lot in areas that accumulate a great deal of building rubble due to high seismicity. There were times when municipal administration was so well organised that the rubble was actually removed from the city and taken out to the suburbs. In Ephesus, for instance, there is a huge debris depot measuring 9 metres high. But in times when municipal organisation structures were in crisis, it was handled very differently: Refuse was levelled. Or people sacrificed use of a room in the house that could be spared. Then the doors were mortared shut and debris was filled in from the top, until the room was full.

In Egypt, garbage was thrown out into the street. As a result, streets were often two metres higher than the building entrances. Stairs were then built down to the entrances from the top.

So the large-scale landfill solution, the private solution of garbage disposal in one’s own house or everything out onto the street.

Sabine Ladstätter: The concept of carrying garbage up to the roof is still known in Egypt. There it rots rapidly due to solar irradiation. And today you can still often see all this plastic on the roofs. So the tradition of waste disposal hasn’t changed at all.

But there was already an environmental debate. What did that look like?

Sabine Ladstätter: Environmental awareness did exist, but in a different manner than we see today. In those times, there were so many resources that there was no fear of the future like there is today. This fear appeared only after people understood that resources are scarce. In the ancient world, environmental protection had a divine aspect. Humans were not to interfere with nature as that was the divine space.

There were complaints about garbage and dirt, because people wanted to shape their environment esthetically. Or, as established from sources, people complained about the stench. Or also about street noise when carriages took a curve too quickly.

What people were aware of was the karstification. But they did not understand its cause.

A word on the port of Ephesus.

Sabine Ladstätter: This is a good example for such karst formation. 600 years after the forest was logged, the port had to be abandoned. Previously, the port had been right in front of the city; now it is 7 kilometres away. The entire plain was silted up by the sand from the hinterland. This strong sedimentation was the result of the erosion caused by the Romans. They introduced intensive agriculture, needed plenty of timber for the construction of their vessels and for the operation of their spas. While all of this led to an economic upswing, it proved a giant boomerang centuries later. The city had to be moved because nature struck back.

The Romans extracted resources at a great rate, thus fueling a short-term economic upswing, from which everyone in the region benefitted. But under the aspect of sustainability, this development led to the city’s ultimate demise.

What can we learn from the ancient world?

Sabine Ladstätter: While I am not one to believe that mankind learns from history, I do believe history can encourage reflection. And that we should be aware that our actions today will have consequences in the future that cannot be foreseen at the present. And history demonstrates this nicely.

Thank you very much for the interview.

About Sabine Ladstätter: Dr. Sabine Ladstätter is an archaeologist, director of excavations in Ephesus and director of the Austrian Archaeology Institute. She was named “Scientist of the Year 2011”. During the excavation season of 2011, Ladstätter directed 216 specialists from 16 countries and 22 scientific disciplines and led the international team to valuable discoveries and new insights. In 2014, her book “Bones, Stones and Shards, Adventure Archaeology” was elected best popular scientific book in Austria.

On a personal level, her urban mining is about the thoughtful handling of food. The cooking process and the raw materials used are of great importance to her. She never serves processed, pre-prepared meals. The knowledge of what, for instance, goes into a pancake, is what she tries to pass on to her daughter. And also that expiry dates shouldn’t be taken so very seriously: “Just taste it to find out whether it’s still any good!”

 

 

 

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