Stillleben des Verfalls

Ein Stück ausgeblichener, kalkweißer Walknochen liegt mitten auf einem riesigen Feld aus zerbröckeltem, tiefschwarzem Lavagestein. Zarte Nebelschleier wirken wie Weichzeichner und umschmeicheln schroffe Berghänge. Schneefelder wechseln mit Felsbrocken und Steilwänden mit mattrotem Flechtenbewuchs. Hier war ein Fotograf am Werk, der – so scheint es – bei den niederländischen Meistern des Stilllebens gelernt hat. So wie die Meister nichts dem Zufall überlassen, hat Han Sungpil den Standort, die Belichtung und den Bildausschnitt mit viel Bedacht gewählt, um diese Stillleben einer Industrienatur abzubilden.

Der 1972 geborene, koreanische Künstler Han Sungpil, hat das oben beschriebene Foto auf Deception Island, einer Insel in der Antarktis aufgenommen. Vor gut 100 Jahren gab es dort eine Reihe solcher Walfangstationen, deren Industrieruinen noch heute besichtigt werden können.

Ungefähr zur selben Zeit begann man auf Svalbard (auf deutsch: Spitzbergen) mit dem Kohleabbau, der bis in die 1960iger Jahre andauerte. Auch hier jede Menge verwaister Anlagen. Mit den Augen von Han Sungpil betrachtet entsteht ein Bilderbuch morbider Ästhetik.

Der Fotoband gliedert sich in drei Abschnitte: Im ersten Abschnitt, Fauna Fuel, geht es um die industrielle Nutzung von tierischen Fetten. Dafür besuchte Han Sungpil verlassene Walfangstationen in der Antarktis und Arktis. Der zweite Teil, Fossil Fuel, zeigt verlassene Kohlebergwerke und Bergwerkssiedlungen auf Svalbard. Fission Fuel (zu Deutsch: Kernbrennstoff) bildet den dritten Abschnitt, der sich deutlich von den beiden anderen unterscheidet. Dafür hat der Künstler Atomkraftwerke entlang der Loire und Seine besucht und vor allem deren Schwaden aus den Kühltürmen in Szene gesetzt.

Han SungpillEin künstlerischer Bildband über den Hunger nach Roh- und Brennstoffen – ein Bilderbuch, das nachdenklich macht und den Betrachter sprachlos zurücklässt.

Hrsg. Ilwoo Foundation, Seoul Korea, Text(e) von Celina Lunsford: Han Sungpil; Intervention; Hatjecantz Verlag; ISBN 978-3-7757-4279-5

The Korean artist Han Sungpil visited abandoned places in the Arctic and Antarctica, including whaling stations and coalmines. He also visited nuclear power plants along the Loire and Seine river. His well composed photos resemble still lifes of Dutch artists of the 17th century.

 

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