Transparenz bedeutet weniger Leid

Konfliktmineralien

Der Verkauf von Rohstoffen füllt so manche Kriegskassa und führt zu massivem Elend in politisch instabilen Regionen. Damit menschliches Leid rund um diese „Konfliktmineralien“ verhindert wird, haben die USA und die Europäische Union Gesetze verabschiedet, die Transparenz in die Lieferketten bringen sollen. Brigitte Kranner hat sich diese Verordnungen näher angesehen und kommt zum Schluss, dass Rohstoffe, die im Kreislauf geführt werden, eine immer wichtigere Rolle – auch in ethischer Hinsicht – einnehmen.

„The next 20 miles will be very, very dangerous. But don’t worry. Me and my friends can protect you.  Just give me five dollars. My little girl at home is very hungry. I want to buy her something to eat.”  Die Kalaschnikow hängt lässig über die Schulter, die Uniform ein Fleckerlteppich der unterschiedlichsten Tarnmuster, das Barett zu klein und ausgeblichen. Der Mann dazu – er nennt sich Everlasting – ist etwa 30 Jahre alt, blickt freundlich durch das offene Fenster ins Auto und wirkt gar nicht so martialisch wie sein Äußeres. Irgendwie muss auch er seine Familie ernähren.

KonfliktmineralienWir befinden uns in der Demokratischen Republik Kongo (DRC), nahe Goma am Kivu See im Dreiländereck von DRC, Ruanda und Uganda. Eine Region ebenso reich an wertvollen Rohstoffen wie an grausamen militärischen Konflikten.

Um Menschen vor militärischen Konflikten mit allen ihren Nebenerscheinungen wie z. B. Korruption, Hunger und Sklaverei zu schützen, haben die USA im Jahr 2010 den Dodd-Frank Act und die EU 2017 die Verordnung zu „Konfliktmineralien“ erlassen. Der Grundgedanke hinter den Verordnungen: durch den Erlös von mehr oder weniger legalem Abbau von Rohstoffen sollen keine militärischen Konflikte geschürt werden.

Aber können diese Gesetze das auch leisten? Und welche Folgen ergeben sich für uns daraus? Für uns, die wir auf in Krisengebieten abgebaute Rohstoffe angewiesen sind.

Verkauf von Rohstoffen füllt Kriegskassa

Der Rohstoffverbrauch ist in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen: einerseits durch neue Technologien wie sie zum Beispiel für die Digitalisierung unseres Lebens notwendig sind und andererseits durch den Zugang von immer mehr Menschen zu einem ressourcenintensiven Lebensstil. Parallel dazu hat sich aber auch ein öffentliches Bewusstsein und eine gesellschaftliche Verantwortung für die oft problematischen Lieferketten für diese Rohstoffe herausgebildet, da der Erlös aus dem Verkauf von Rohstoffen häufig die Kriegskassen von korrupten Herrschern und Warlords füllt und zu viel Elend in armen, aber rohstoffreichen, Regionen führt.

Wie komplex diese Lieferketten sein können, zeigt die Grafik von nagerIT. Sie versucht, den Weg der Rohstoffe für ein simples elektronisches Gerät wie einer Computermaus aufzuzeigen.

Konfliktmineralien

Finanzierung kriegsführender Gruppen verhindern

Dieser Wertewandel manifestiert sich erstmals in den 2011 veröffentlichten UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte. 2016 veröffentlichte die OECD ihre „Leitsätze für die Erfüllung der Sorgfaltspflicht zur Förderung verantwortungsvoller Lieferketten für Minerale aus Konflikt- und Hochrisikogebieten“, die auch die Basis für die am 17. Mai 2017 in Kraft getretenen EU-Verordnung Nummer 821 mit dem sperrigen Namen „zur  Festlegung von Pflichten zur Erfüllung der Sorgfaltspflichten in der Lieferkette für Unionseinführer von Zinn, Tantal, Wolfram, deren Erzen und Gold aus Konflikt- und Hochrisikogebieten“, kurz: Konfliktmineralien-Verordnung. Wie aus dem Text hervorgeht, beschränkte sich die EU auf nur drei Metalle und das Edelmetall Gold. (Tantal wird aus dem Erz Koltan gewonnen und ist ein wichtiger Rohstoff für die Mikroelektronik, zum Beispiel in Mobiltelefonen. Es kommt sehr konzentriert in der DRC vor.)

Aufgrund dieser Verordnung müssen (erstmals 2021) „Unionseinführer“ solcher Metalle Nachweise über die Lieferkette vorweisen. Dies soll eine Querfinanzierung von kriegsführenden Gruppen in Konflikt- und Hochrisikogebieten verhindern. Die Dokumentation dieser Nachweise ist sehr aufwendig, auch muss teilweise noch festgelegt werden, wie sie zu erfolgen hat. Daher die lange Übergangsfrist bis zum ersten möglichen Kontrolltermin 2021.

USA setzt auf transparente Lieferkette

Bereits 2010 wurde in den USA der Dodd–Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act (kurz: Dodd–Frank Act) verabschiedet. Er regelt in 541 Gesetzesartikeln das Finanzrecht der USA neu. Anlass für das Gesetz war die Finanzkrise 2007. In Section 1052 (von insgesamt 1601 Sections auf 859 Seiten) geht es um die Offenlegungspflicht der Lieferkette von Konfliktmineralien (Tantal, Zinn, Gold und Wolfram) aus der DRC und ihren Nachbarstaaten.

Unübersichtlichkeit bei Zertifizierungen

Parallel dazu, als dritte Säule, gibt es für Firmen jede Menge Möglichkeiten, sich freiwillig nach diversen Umwelt- und Sozialstandards zertifizieren zu lassen. Das deutsche Umweltministerium und das Umweltbundesamt haben ein Forschungsprojekt in Auftrag gegeben, das sich mit Umwelt- und Sozialfragen der Rohstoffpolitik beschäftigt (siehe weiterführende Links). Die Forschungsgruppen haben mehr als 40 solcher Zertifizierungsmöglichkeiten ausmachen können, was die Entscheidung nicht einfacher macht. Denn wer will schon mehr als 40 Zertifizierungshandbücher lesen, um die passende Zertifizierungsmethode zu wählen?

Auch der verantwortungsbewusste Konsument ist gefordert: Allein beim Goldkauf kann und muss er sich zwischen Responsible Gold, Green Gold, Fairtrade Gold, Recycling Gold und Fairmined Gold entscheiden.

Konfliktmineralien

Komplexe Produkte – globaler Rohstoffeinkauf

Warum gibt es so viele verschiedene Umwelt- und Sozialstandards im Bereich des Abbaus und der Verarbeitung von Rohstoffen? Märkte, speziell Rohstoffmärkte, waren und sind heute mehr denn je global und kennen kaum nationalstaatliche oder Unionsgrenzen. Je komplexer unsere Produkte werden, je mehr Rohstoffe in einem einzigen Produkt verbaut sind, desto globaler der Rohstoffeinkauf. Das zeigt das schematische Rohstoffbild der Computermaus ganz deutlich.

Und das ist auch ein Kritikpunkt an der neuen EU-Verordnung zu „Konfliktmineralien“.  Sicherlich ein ethisch richtiger Ansatz, aber sehr viel administrativer Aufwand für einen geopolitisch zu kleinen Bereich. Gut gemeint muss nicht gut sein. Trotzdem ein Schritt in die richtige Richtung.

Dazu noch eine Bemerkung am Rande: China als einer der großen Produzenten von Rohstoffen und als  größter Importeur von mineralischen Rohstoffen beteiligt sich weder an der Diskussion noch erwägt es irgendwelche Maßnahmen.

Und welchen Beitrag kann Urban Mining in der Diskussion um ökonomische, ökologische und soziale Verantwortung beim Umgang mit Rohstoffen leisten? Urban Mining führt zu einer Wertschätzung der schon bei uns verbauten Rohstoffe, deren Wiedergewinnung und dem Einführen in den Materialkreislauf. Das macht uns nicht nur ökonomisch unabhängiger von rohstoffreichen, aber politisch instabilen Regionen, sondern hilft hoffentlich auch dort, weiteres menschliches Leid zu verhindern. Ein relativ neuer Aspekt von Urban Mining.

Bleiben zum Schluss noch zwei Fragen offen: Was wird Everlastings „little girl“ wohl heute zu Abend essen? Und wird ihr Vater heute Abend überhaupt nach Hause kommen?

Bücherliste

Weiterführende Links

Several organizations in the western hemisphere want to omit the use of conflict-metals, such as tin, tantalum, tungsten, gold and their ores. Their production is often illegal or causes conflicts, war, corruption, slavery etc.. The EU and the USA obligate importers of these metals to reclaim their origin.

Foto (1): ©Flickr.com/Sasha Lezhnev, Fotos (2 + 4): ©Brigitte Kranner

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