Umfassende Schönheit für die Welt

Auf der greenEXPO11 vom 24. bis zum 26. Juni 2011 am Wiener Heldenplatz informierten sich 55.000 Besucher über ein bewusstes und nachhaltiges Leben. Auf der Bühne sprach Prof. Dr. Michael Braungart mit Claudia Stöckl über das Prinzip Cradle to Cradle. Braungart ist Gründer von Cradle to Cradle und wissenschaftlicher Leiter von EPEA Hamburg. EPEA Hamburg ist ein wissenschaftliches Forschungs- und Beratungsinstitut, „das durch öko-effektives Design die Qualität und den Nutzwert von Materialien, Produkten und Dienstleistungen optimiert.“ Auch hier heißt der Gründer Michael Braungart.

Das Prinzip Cradle to Cradle bedeutet übersetzt „Von der Wiege zur Wiege“. Es unterscheidet zwischen Effizienz und Effektivität. Effektiv sind Produkte, die entweder in biologische Kreisläufe zurückgeführt oder in technischen Kreisläufen gehalten werden können. Cradle to Cradle kennt keinen Abfall und nimmt sich damit die Natur zum Vorbild. Immer mit Rücksicht auf Ressourcenerhaltung und mit dem Ziel, dass am Ende die bessere Qualität dabei herauskommt.

Auf der greenEXPO-Bühne in Wien spricht Braungart über eine „umfassende Schönheit“. Für ihn bedeutet das, dass ein Produkt, das jemanden krank macht, niemals schön sein kann und schon gar nicht qualitativ. Es ginge auch nicht darum „grün“ zu sein, sondern Produkte herzustellen, die der umfassenden Schönheit entsprechen: effektiv, schön und qualitativ. Eben nach Cradle to Cradle.

Ein Beispiel ist der neue Fernseher, der mit Philips entwickelt wurde. Philips Econova. Es ist beunruhigend zu wissen, dass dies der erste Fernseher sein soll, der in Gebäuden stehen kann ohne die Umgebung zu verseuchen. Er beinhaltet kein PVC und ist der erste Fernseher ohne „Seltene Erden“. Und er verbraucht laut Braungart 60% weniger Strom. Alle stinkenden Kunststoffe wurden durch Metalle ersetzt. Der Klebstoff schmilzt, wenn er erhitzt wird. Das ermöglicht eine Entsorgung ohne „auseinander klopfen“. Für Braungart ist es die Intelligenz, die bei der Entwicklung von Produkten den entscheidenden Unterschied macht. Deswegen kommt im Herbst eine neue Waschmaschine auf den Markt. Die Menschen kaufen in Waschgängen, bei dieser sind es 3000. Dafür ist sie frei von gefährlichen Stoffen. Ein Dichtungsring in einer normalen Waschmaschine gibt nach Braungart mehr Benzol ab, als wir auf einer Tankstelle aufnehmen. Dabei verweist er auch auf die häufigen Asthma-Erkrankungen. Es würde ihn nicht wundern, meint Braungart, bei den vielen schädlichen Stoffen, die sich in den Geräten verstecken.

„Traditionelles Umweltschutzdenken ist absurd“

Das traditionelle Umweltschutzdenken hält Braungart für absurd, denn man versuche nur weniger schädlich, anstatt für ihn richtigerweise nützlich zu sein. Bei Cradle to Cradle wird der Mensch mit seinen Produkten nützlich für die Biosphäre. Seine Vision ist es, große Firmen für sein Prinzip zu gewinnen und kreative Konzepte umzusetzen. Wieso verwendet man nicht Strommasten gleichzeitig als Windräder? Warum entwickelt man nicht eine Windel, die man wieder zurück in den Kreislauf bringen kann? Außerdem wirft er die Frage auf, warum Boden nicht besser genutzt wird. Womit er Recht hat. Durch den Anbau von Mais für Biogas verliert man sehr viel Boden. Das würde nicht passieren, wenn man in Zwischenräumen von Häuserfassaden anbaut. Obendrein würde es wahrscheinlich auch noch schön aussehen.

Österreich hat laut Braungart in den vergangenen Jahrzehnten im Umweltschutz Pionierarbeit geleistet. Die Frage, ob Plastik- oder Papiersack stellte man sich schon Anfang der 80er Jahre. Eine Diskussion, die man in San Francisco erst heute führt. In der Steiermark gibt es bereits 800 Unternehmen, die sich zusammengeschlossen haben, um nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip zu handeln. Dennoch liegt Österreich nicht vorne. Die Niederlande und Dänemark machen uns vor wie es geht. Das sind die Länder, die sich am schnellsten umstellen. Die Schweiz folgt nun auf dem Fuß. Als Vorreiter-Unternehmen in Österreich nennt Braungart Backhausen und Gugler. Die Textilfirma Backhausen wirtschaftet nach dem C2C-Prinzip und hat einen völlig neuen Stoff entwickelt. Es handelt sich dabei um einen flammhemmenden Stoff, der zur Gänze wiederverwertbar ist. Der Trevira CS wurde mit dem Umweltforschungsinstitut EPEA gemeinsam entwickelt. Dieser Stoff wird schon für Flugzeugsitze eingesetzt.

Apropos Flugzeuge: Ein skurriles Beispiel zum Thema Umweltschutz. Wenn alle Passagiere eines Fluges von Wien nach New York vorher Abführmittel nehmen und auf die Toilette gehen würden, bevor sie das Flugzeug besteigen, dann könnten damit 5 Tonnen Kerosin gespart werden. Wenn die Passagiere auch noch nackt wären, weitere 2 Tonnen. – Aber das wird sich wohl nie durchsetzen …

Zum Abschluss plädiert Braungart noch für Champagner statt Prosecco, denn Champagner hat drei bis vier Mal weniger CO2-Emission, da die Bläschen feinteiliger sind.

Ob wir damit die Welt retten können? Was meinen Sie, welche Maßnahmen getroffen werden sollten?

Bildquelle: Shutterstock, Prima Vista

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