Und nach mir die Sintflut …

Wir sprachen mit Prof. Helmut Rechberger vom Institut für Wassergüte, Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft der TU Wien über Urban Mining, seine Projekte und unser eigenes Unverständnis, die Zukunft zu gestalten.

Urban Mining: Herr Rechberger, man hat das Gefühl Urban Mining ist ein „Trend“, der in aller Munde ist. Wie sehen Sie das und vor allem wie würden Sie Urban Mining beschreiben?

Helmut Rechberger: Das sehen Sie richtig. Urban Mining ist wirklich in aller Munde. Die Frage ist aber letztendlich wirklich die, was man darunter versteht. Also wir sehen das so: Bei Urban Mining werden Städte, Siedlungen und Infrastruktur als riesiges Konglomerat an Rohstoffen gesehen. Wir unterscheiden zwischen Primärlagerstätten im Boden und sekundären Lagerstätten wie in Häusern. Österreich besitzt einen Rohstoffplan, in dem steht, dass Österreich keine wirtschaftlich relevanten Kupferlagerstätten vorweisen kann. Wir können aber zeigen, dass ungefähr jeder Österreicher 250 kg Kupfer besitzt! Das ist nicht wenig. Das existiert aber gar nicht in diesem Rohstoffplan, eben weil wir nicht wissen wo es ist. Im Prinzip bedeutet Urban Mining, dass man auf eine ähnliche Art wie man Primärlagerstätten erforscht, auch sekundäre Lagerstätten erforschen kann und soll. Das bedeutet zu wissen, wo die Rohstoffe verbaut sind und in welchen Konzentrationen sie enthalten sind.

Urban Mining: Was ist das Ziel?

Helmut Rechberger: Damit sollte es möglich sein die Sekundärlagerstätten adäquat zu beschreiben. Dann kann man in Zukunft auch abschätzen, wie viel man rückbauen kann. Also, wie viel von diesen 250 kg Kupfer, die jeder von uns theoretisch besitzt, können wir zurückgewinnen.

Urban Mining: Wo ist Kupfer enthalten?

Helmut Rechberger: In sehr vielen Dingen. In Stromleitungen, Wasserleitungen, Heizungsleitungen, in jedem Elektromotor, Klimaanlagen, Elektronikgeräten, auch im iPhone ist ein bisschen Kupfer, in der Industrie, teilweise in Dachblechen und Dachrinnen.

Urban Mining: Sie wünschen sich eine Rohstoff-Landkarte, in der alle diese sekundären Lagerstätten eingezeichnet sind. Ist das realisierbar?

Helmut Rechberger: Als Endziel wäre es sicher realisierbar. Man müsste nur mehr forschen. Im Moment ist es eher schwierig, Forschungsförderungen zu erhalten. Wir versuchen es gerade mit einem Christian Doppler-Labor, welches wir zu diesem Thema einrichten möchten. Das eigentliche Problem ist aber, dass die Wirtschaft im Augenblick nicht interessiert an Urban Mining ist. Denn von einer Rohstoffkarte kann man erst in 20 bis 30 Jahren profitieren und die Wirtschaft braucht Resultate, die schneller verwertbar sind. Etwas, das einem im nächsten Jahr schon einen Wettbewerbsvorteil bringt.

Selbst wenn wir eine Rohstoffkarte hätten, würde es natürlich dauern bis diese Rohstoffe wieder verfügbar gemacht sind. Das hat etwas vom Pensionssystem: Man muss in der Gegenwart anfangen, um es in Gang zu bringen. Der Nutzen wird erst in der Zukunft kommen. Die Wirtschaft denkt hier zu kurzfristig.

Urban Mining: Kann der Staat unterstützen?

Helmut Rechberger: In Deutschland gibt es ein Forschungsprojekt um 30 oder 40 Millionen Euro, welches sich mit dem Thema Urban Mining beschäftigt. In Österreich gibt es erste Ansätze. Im Moment haben wir aber noch einen Forschungsvorsprung und werden konsequent eingeladen, um über unsere Ergebnisse zu berichten. Wenn aber nicht bald was passiert, dann werden uns die anderen überholen.

Urban Mining: Haben Sie eine Vision?

Helmut Rechberger: Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre das “genug Geld um forschen zu können”. Das Thema ist kompliziert und man braucht Leute, die sich schon einige Jahre damit beschäftigen. Ein gutes Team, das wir gerade hätten. Und eine gute Kooperation mit der Wirtschaft! Das ist auch sehr wichtig. Denn es handelt sich nicht um ein rein universitäres Forschungsthema. Deswegen bräuchten wir die Zusammenarbeit mit wichtigen Playern aus der Wirtschaft. Damit wir weiter die Vorreiterrolle haben werden.

Urban Mining: Wie sieht die Zukunft aus?

Helmut Rechberger: Aus Bilanzen erkennt man, dass wir in Zukunft mehr Abfälle haben werden als heute. Was für Politiker immer eine Tragödie ist. Aber es geht gar nicht anders. Aus physikalischen Gründen, werden wir einfach mehr Abfälle haben. Das kann man gar nicht vermeiden, auch wenn wir wollen. Man muss nur sehen, was man daraus macht. Je besser man weiß, aus was sich diese Abfälle zusammensetzen, desto besser kann man sie recyclen. Recyclen kann man nur etwas, das man kennt.

Urban Mining: Stimmt: Je größer die Stadt, desto größer das anthropogene Lager?

Helmut Rechberger: Ja. Wobei, was bedeutet schon Größe? Fläche alleine kann man nicht zählen. Man muss auch die Dichte mit einberechnen.

Urban Mining: Gibt es eine große Stadt, die sich als Vorreiter entpuppt hat?

Helmut Rechberger: Nein. Es wird zwar von Abu Dhabi oft behauptet, aber wenn man beobachtet, welche Materialien die verwenden, dann ist das schlichtweg falsch. Gerade bei neuen Gebäuden sollte man überlegen. Aber genau das Gegenteil ist der Fall! Die modernen Gebäude werden viel schwieriger zu recyklieren sein als die alten. Niemand setzt sich bei uns damit auseinander. Der Architekt plant und bis sein Gebäude rückgebaut wird, vergehen so viele Jahre, dass es für ihn nicht mehr interessant sein wird …

Urban Mining: Und nach mir die Sintflut….?

Helmut Rechberger: Es scheint fast so.

Urban Mining: Gibt es Architekten oder Bauherren, die sich damit auseinandersetzen?

Helmut Rechberger: Noch nicht.

Urban Mining: Schaufelt man sich sein eigenes Grab?

Helmut Rechberger: Gebäude, die wir jetzt bauen, werden erst in 50 bis 60 Jahren zum Rückbau bereit sein. Wir interessieren uns deswegen nicht dafür, weil es uns nicht mehr direkt betrifft.

Aber das ist in vielen Dingen so. Wie bei den alten Deponien, die wir immer noch auffüllen. Die Sanierung und Reinigung wird die nächsten Generationen betreffen.

Urban Mining: An welchen Forschungsprojekten arbeiten Sie gerade?

Helmut Rechberger: Wir sind dabei, ein Nachfolgeprojekt zu unserem ersten Urban- Mining-Projekt zu generieren. Das beschäftigt sich damit, wie man aus Müllverbrennungsaschen die Schwermetalle hinaus bekommt und recycled. Wir arbeiten auch an Projekten, wie man Metalle aus Schlacke bekommt. Schlacke entsteht bei der Müllverbrennung. Schlacke ist sehr heterogen. Wir charakterisieren sie. Wir versuchen zu eruieren, was an Metallen alles enthalten ist. Wie viel Messing, wie viel Aluminium, wie viel Kupfer, …  Es ist methodisch nicht so einfach, verlässliche Werte zu bekommen. Aber wir konnten damit zeigen, dass durchaus Potential in diesen Schlacken ist und es auch ökonomisch Sinn macht, diese zurückzugewinnen. Da sind wir dran.

Urban Mining: Wie sah das ursprüngliche Projekt aus?

Helmut Rechberger: Da ging es um Phosphor-Recycling. Eigentlich ein Thema, das man nicht wirklich Urban Mining nennen kann.

Wir brauchen alle Phosphor. Die Lagerstätten sind auch nicht unbegrenzt und es ist nicht möglich Phosphor zu substituieren. Langfristig kann das zu einem Problem werden, denn wir müssen davon ausgehen, dass der Phosphorbedarf steigt.

Urban Mining: Warum?

Helmut Rechberger: Weil es immer mehr Menschen gibt auf der Welt und weil der Ernährungstrend sich global eher in Richtung westlicher Ernährung verschiebt. Das bedeutet mehr Fleischkonsum.

Urban Mining: Noch mehr Fleischkonsum?

Helmut Rechberger: Asiaten sind ja an und für sich nicht so große Fleischesser, aber sie interessieren sich jetzt auch immer mehr für Fleisch und Milchprodukte. Obwohl es nicht zu ihren eigentlichen Ernährungsgewohnheiten passt, geht der Trend dorthin. Um eine Nahrungseinheit Fleisch zu erzeugen, braucht man wesentlich mehr Phosphor als für eine Nahrungseinheit aus pflanzlichen Stoffen. Der Vegetarier lebt doch deutlich umweltbewusster und ressourcenschonender.

Urban Mining: Wo hat Ihr Forschungsprojekt eingesetzt?

Helmut Rechberger: Der Kreislauf funktioniert so: Die Landwirtschaft gibt sehr viel Phosphor aus, der gelangt dann über die Nahrung in unsere Körper, in einer schon im Vergleich dazu geringen Menge, dann scheiden wir einen Teil davon wieder aus und dieser Phosphor gelangt in den Klärschlamm. Diesen Klärschlamm hat man auch früher schon in der Landwirtschaft verwendet. Da waren es eher die Schwermetalle, die ein Problem waren. Aber was man heute drinnen hat, sind die so genannten micro pollutants, organische Verunreinigungen, Rückstände von Medikamenten, Antibiotika, Anti Baby Pillen. Da hat man schon Bedenken, wenn man diesen Klärschlamm wieder auf die Felder sprüht. Man braucht nur an die EHEC-Geschichte zu denken. Es könnte die Gesundheit beeinträchtigen.

Wir sollten den Klärschlamm verbrennen, denn dann wären diese Verunreinigungen oxidiert und der Phosphor bleibt in der Klärschlammasche. Aus der Asche könnte dann ein Dünger entstehen.

Urban Mining: Was wäre das „Worst Case Scenario“, wenn wir so weiter machen wie bisher?

Helmut Rechberger: Lebensmittel würden teurer werden.

Urban Mining: Wäre es nicht am einfachsten, unsere Ernährung umzustellen?

Helmut Rechberger: Das ist ein sehr guter Hinweis. Es wäre theoretisch am einfachsten. Was wir täglich sehen ist aber, dass wir durch technische Maßnahmen mehr erzielen, als durch den Versuch das Verhalten der Menschen zu verändern. Der  Konsument verändert in der Regel sein Verhalten nur, wenn er dazu gezwungen wird. Durch Gesetze oder durch Preiserhöhungen. Vielleicht ist unsere Generation schon ein bisschen anders … wobei … eigentlich nicht wirklich. Rauchen tun sie ja auch alle wie verrückt.

Das gleiche Phänomen kann man auch beim Autoverkehr beobachten. Die Emissionen beim Autoverkehr steigen ernorm, weil die Menschen einfach mehr fahren. Jetzt haben wir die sparsameren Autos, aber die Kilometerleistung ist höher.

Urban Mining: Zum Abschluss: Wo liegt Ihre persönliche Leidenschaft?

Helmut Rechberger: Den anthropogenen Stoffhaushalt zu verstehen. Was braucht die Wirtschaft für Materialien, was tut sie damit, was spuckt sie hinten als Abfall wieder aus? Methoden entwickeln, Modelle generieren und dann optimieren. Meine Leidenschaft ist das Optimieren. Ich kann das System besser gestalten als es heute ist.

Urban Mining: Eigentlich ist die Wirtschaft gefordert?

Helmut Rechberger: Ja.

Fotos von und Interview mit Prof. Helmut Rechberger von Nina Prehofer

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