„Unser Garten Erde muss kultiviert werden“

Peter Baccini im Gespräch über sein Buch Metabolism of the Anthroposphere und über die Verantwortung der Menschen.

Urban Mining: Sie zitieren Voltaire mit: „Il faut cultiver notre jardin“ (Dt. „Unser Garten muss gepflegt werden“) – Was bedeutet das für Sie und Ihr Forschungsgebiet?

Peter Baccini: Das Zitat stammt aus seinem berühmten Werk Candide oder Der Optimismus, wo am Ende als Notwendigkeit erkannt wird: Was uns noch bleibt, ist die Pflege der Freundschaft und die Kultivierung des Gartens. Ich habe das aufgenommen, weil es etwas mit einer kulturellen Entwicklung zu tun hat, die die Erde als Kulturlandschaft, die wächst, begreift. Man kann dann die Metapher des Gartens übernehmen, dass der Mensch die Erdoberfläche immer stärker kultiviert. Möglicherweise wird der Mensch bis zum Ende des Jahrhunderts mit dieser Kultivierung die Evolutionsprozesse verändern, wie durch die Klimaänderung oder durch seine Ökosysteme. Jene großen Bereiche, wie die tropischen Regenwälder oder große Ozeangebiete, sind nicht mehr separat vom Menschen zu sehen. Auch diese Komponenten werden mitbeeinflusst. Und damit ist die Frage, „Sehen wir im 21. Jahrhundert die Erde als Garten, für den wir Verantwortung übernehmen, weil wir ihn ständig gestalten oder leben wir im alten Paradigma, in dem es einen Bereich Natur gibt, den wir schützen, und einen Teil, in dem wir selbst leben und uns genügend abgrenzen können?“ Der Satz von Voltaire beschreibt den Spannungsbogen im Buch (Metabolism of the Anthroposphere, mit Paul H. Brunner) – von der Analyse des Metabolismus zum Design – sehr gut. Aber um es kurz zu sagen: Wir müssen eine Entscheidung treffen, ob wir die Welt (mit)gestalten wollen, was auch bedeutet den Metabolismus („Stoffwechsel“) umzugestalten.

Urban Mining: Sind wir bereit, diese Verantwortung der Gestaltung zu übernehmen? 

Peter Baccini: Ob wir als Menschen bereit sind? 

Urban Mining: Ja genau.

Peter Baccini: Ich habe nicht den Eindruck, dass dieser Paradigmenwechsel schon wirklich mehrheitsfähig wäre. 

Urban Mining: Kann man es so sehen, dass das Leben von Mensch und Natur zu einem ursprünglicheren Konzept zurückgeht? Der Mensch mit der Natur im Einklang und nicht parallel zueinander?

Peter Baccini: Sie sprechen den richtigen Punkt an. Wie ist das Menschenbild und wie ist das Bild der Entstehung dieser Welt? Wenn man sich auf eine der Religionen stützt, die vorgibt, dass der Schöpfungsprozess schon vorgegeben ist, dann bedeutet das, dass die Entwicklung nicht in unseren Händen liegt und der Mensch nicht einzugreifen hat. Ich sehe es stärker als kulturelle Evolution, in der der Mensch verschiedene Wege gefunden hat, sich als soziales Wesen zu organisieren und die Umwelt so zu verändern begonnen hat, dass er ein besseres Leben hat. Die Schlussfolgerung ist: Ja, wir verändern die Welt, aber die Entwicklung ist offen. Es bedeutet aber eben auch, Verantwortung zu übernehmen, für die Art und Weise, wie wir die Welt verändern. Und nicht mehr länger sauber zwischen Natur und menschlicher Entwicklung zu trennen.

Urban Mining: Können Sie kurz den Begriff der Anthroposphäre erklären? 

Peter Baccini: Die Anthroposphäre ist der Raum, in dem die biologischen und kulturellen Aktionen des Menschen stattfinden. Das ist sehr allgemein, aber so konsequent definiert, dass alle kolonisierten oder vom Menschen aufgebauten Ökosysteme, wie landwirtschaftliche Flächen, forstwirtschaftlichen Flächen, Gewässer, die vom Menschen technisch hydraulisch biologisch geführt werden, Seen, Flüsse, littorale Gebiete der Ozeane, dass die auch zur Anthroposphäre gehören.

Urban Mining: Wie entwickelt, wie transformiert sich nun die Antroposphäre in der Zukunft?

Peter Baccini: Ich begreife die kulturelle Evolution ähnlich wie die biologische Evolution. Ich betrachte auch die kulturelle Evolution nicht als determiniert, ich begreife die Menschheitsgeschichte der letzten acht bis zehntausend Jahre als ein offenes Spiel. Das, was wir heute erkennen können, als Teilnehmende der aktuellen Welt, ist eine Entwicklung, die eine Kombination aus Zufall und Notwendigkeit ist. Das heißt: Wie die heute aufgebauten Systeme sich weiterentwickeln, hängt ab vom Zusammenspiel gesellschaftspolitischer Rahmenbedingungen. Wenn sie eine politische Monokultur mit diktatorischen Elementen ist, wird man wahrscheinlich etwas anders vorgehen im Einführen gewisser Veränderungen als in einem Gesellschaftssystem, das sich demokratisch entwickelt hat, in der Art des partizipativen Vorgehens, wo eben Menschen über längere Diskurse entscheiden können. Insofern ist das sehr wichtig. 

Urban Mining: Wer entscheidet über die Qualitätskriterien dieser Großsysteme?

Peter Baccini: Es ist das Spiel unterschiedlicher Regionen, die bei unterschiedlichen Rahmenbedingungen, sprich gesellschaftspolitisch, wirtschaftlich, klimatisch, kulturell versuchen, etwas zu entwickeln. Aber was heißt das? Dazu braucht es eine kritische Größe. Ich denke, Nationen sind kein schlechter Ansatz oder eben Regionen.

Ich meine, die Kunst besteht darin, in der kulturellen Evolution eine Art experimentelle Vielfalt zu ermöglichen, wo wir mit Versuch und Irrtum auch feststellen können, was der bessere Weg ist. Das finde ich den entscheidenden Ansatz, dass wir in Großräumen wie zum Beispiel in der EU oder den USA es erlauben, dass verschiedene Regionen oder Teilstaaten ausprobieren können, was ihr Weg ist und dann nur solche Schritte unternehmen, die dann unter Umständen wieder korrigiert werden können. Das ist für mich das evolutive Bild der Entwicklung. Nicht das aus dem absolutistischen Jahrhundert, wo ein König sagt, wir bauen jetzt Frankreich so wie Versailles. Mit Ihnen spricht jetzt natürlich ein demokratiegeschädigter Schweizer. Wir haben eine eigene Geschichte und wir leben immer noch. So schlecht kann unser System also auch nicht sein. Aber Experimente dürfen Sie Politikern nie vorlegen. Das ist ein negatives Reizwort. Aber als Wissenschafter muss ich sagen:

Hätten wir vor hundert Jahren diese Metabolismussicht schon gehabt, dann wären
wir wahrscheinlich nicht in diese extreme Erdölabhängigkeit marschiert.

Urban Mining: Ihre wichtigste Erkenntnis?

Peter Baccini: Ich kann heute behaupten – ich bin ja schon im achten Lebensjahrzehnt – man kann die Stoffwechselprozesse von anthropogenen, also von Menschen gemachten Großsystemen, mit einer begrenzten Zahl von Zeigestoffen und ökonomisch definierten Gütern erfassen. So erfassen, dass man seine wesentlichen metabolischen Eigenschaften erkennen kann, also qualitativ und quantitativ. Das ist unser Beitrag, den wir auch in der zweiten Auflage des Buches darstellen möchten. Wie geht man vor in der Analyse? Mit dieser Methode schafft man sich eine taugliche Basis. Das konnten wir praktisch an verschiedenen Situationen zeigen. Die darauf folgende Bewertung hat zum Ziel, das System so zu verbessern, dass es robuster wird. Die Früherkennung von möglichen Auswirkungen neuer Technologien ist wichtig. Ich habe das Studierenden mit der Einführung des Benzins für die Verbrennungsmotoren gezeigt. Als man in den 40er Jahren zum Schluss gekommen ist, man muss eine Bleiverbindung, ein Bleitetraethyl, als Antikopfmittel zugeben, damit der Motor besser funktioniert. Damals hatten die Chemiker und Physiker alle schon die Kenntnisse. Sie hätten hochrechnen können, wie sich das entwickeln würde, wenn x-Millionen Fahrzeuge um die Welt zirkeln. Wieviel Blei wird da lokal, regional ausgeregnet? Wohin könnte das Blei verfrachtet werden? Aber man hat ein solches Vorgehen gar nicht in Betracht gezogen. Man hatte noch das alte Paradigma: „The solution to pollution is dilution“. Die Umwelt hat eine unbeschränkte Aufnahmekapazität. Das Überraschende ist (als wir in einem gewaltigen Wachstumsprozess der Bevölkerung von mehreren 100 Millionen auf Millarden geschritten sind und gleichzeitig pro Kopf den Güterkonsum erhöht haben), dass sich praktisch niemand damit beschäftigt hat, was das jetzt für den Metabolismus der Anthroposphäre bedeutet.

Urban Mining: Wie funktioniert die Stoffflussanalyse ?

Peter Baccini: Die Methode wurde mit der Zielsetzung entwickelt, für den Stoff- und Energieumsatz in räumlich und zeitlich definierten Bedingungen ein physikalisches System zu bauen, mit dem man qualitativ und quantitativ Materie und Energieströme darstellen kann. Um dann mit diesen Ansätzen gezielte Messungen, also Feldmessungen, Berechnungen durchführen zu können, mit denen am Ende ein Gesamtbild des Metabolismus vorgelegt werden kann. Wir haben uns von Beginn weg auch mit der Generierung dieser metabolischen Systeme auseinandergesetzt. Wir haben gesagt, wir machen das System so einfach wie möglich und so komplex wie notwendig. Die Systemelemente bestehen eigentlich nur aus Prozessen. Darin werden Güter transportiert und transformiert. Die Systemelemente haben verschiedene Verknüpfungen und eine Systemgrenze, die zeitlich und räumlich definiert ist. Damit bauen wir eigentlich ein konsistentes physikalisch, chemisch beschreibbares System auf. Das wird durch die menschlichen Aktivitäten generiert. Aktivitäten sind Tätigkeiten des Menschen, die in der kulturellen Entwicklung erkennbar sind, um seine individuellen und gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Urban Mining: Welche Aktivitäten sind das?

Peter Baccini: Wir haben das Ganze auf vier Aktivitäten reduziert: ernähren, reinigen, wohnen und arbeiten, transportieren und kommunizieren. Das finden Sie in unserem Buch zusammengestellt im dritten Kapitel. Damit können Sie alle Kulturperioden und auch aktuelle Unterschiede mit dem gleichen Instrumentarium beschreiben. Sie können dann sagen: Wie löst Österreich im Vergleich zu Japan das Ernähren? Wie sieht das japanische System des Ernährens von der Landwirtschaft über Aufarbeitung, Import bis zum Entsorgen im Vergleich zu Österreich aus? Die Menükarten sind etwas anders, die Art wie Landwirtschaft betrieben wird, ist anders. Wie können wir jetzt eigentlich die wichtigsten Unterschiede erkennen und begreifen, was ist jetzt eigentlich relativ kulturunabhängig und was ist kulturbestimmt. Oder warum haben sich in Österreich andere Techniken entwickelt als in Japan? Oder wie gibt es Übertragungen? Das ist immer noch Analyse und Evaluation. Aber dann können wir mit der Methode ins eigentliche Design steigen. Jetzt kommen wir wieder zum Urban Mining.

Urban Mining kann man nur machen,
wenn man die Lagerdynamik kennt.

Die klassische Umweltschutzbetrachtung ist eine Flussbetrachtung, ist eine Outputbetrachtung. Der Übergang menschlicher Aktivitäten in Luft, Wasser und Boden. Aber sie betrachten nicht die Lager. Wir haben Jahrzehnte in der Umweltpolitik verloren, weil wir die Lagerdynamik in der Anthroposphäre nicht betrachtet haben. Man beobachtet die klassischen Indikatoren, wenn zum Beispiel Spanien eine riesige Immobilienkrise hat. Dann zeigt sich das gewissermaßen in den Symptomen der Finanzwelt, der Anlagen, des ökonomischen Wertezerfalls. Immer wieder die chronischen Indikatoren der Späterkennung. Hätten sie Früherkennung betrieben, hätten sie relativ rasch sagen können, das Wachstum des Bauwerk-Lagers ist dermaßen stark, dass der Alarm eigentlich schon früh hätte kommen müssen. Wir müssen uns vorbereiten auf Zeiten, wo einfach nicht mehr beliebig gewachsen werden kann, sondern aus bestehenden Ressourcen Umbau- und Transformationsprozesse betrieben werden müssen.

Urban Mining: Sie schreiben „Christianity needed Rome, colonization needed Amsterdam, London, Lisbon etc“ – Welche Struktur braucht Ihr System?

Peter Baccini: Auch wenn wir als Schweiz nicht der EU angehören, sehe ich, dass die EU große Chancen bietet, wenn man maßgeschneiderte regionale Lösungen finden möchte. Ich bin ein Anhänger der nachhaltigen Entwicklung. Ich behaupte: Es gibt nur nachhaltig orientierte Großsysteme, urbane Großsysteme für den Menschen. Die Kunst wird sein, dass die Systeme dermaßen robust werden, dass sie größere Störungen, auch durch Korrekturen usw, überwinden können. Das heißt, dass sie immer abgesichert sind durch gewisse Alternativen, wenn etwas nicht geht, dass etwas anderes geht. Wir kennen das im täglichen Ablauf in der Mobilität, dass wir wechseln können. Überall dort, wo wir nur eine Monokultur haben, kommen wir in massive Verstopfungs- und Lähmungsprobleme. Für mich gehört die Metabolismus-Frage und damit eingepackt das Urban Mining zu einer wirklich transdisziplinären Aufgabe. Das braucht nicht nur Naturwissenschafter, Ingenieure und Ökonomen, sondern eben auch Soziologen, Designer, die diese wichtigen Systemverständnisse aufbauen und auch merken, wie die relevanten Verknüpfungen sind. Urban Mining ist ein Projekt für die nächsten drei bis vier Generationen. Und die Dimension hat man noch nicht erkannt.

Das Gespräch führte Nina Prehofer.

Infobox:
Peter Baccini ist emeritierter Professor für Stoffhaushalt und Entsorgungstechnik der ETH Zürich. Er lehrte am Departement Bau, Umwelt und Geomatik. Gemeinsam mit dem österreichischen Professor Paul H. Brunner schrieb er (mittlerweile in zweiter und weiterentwickelter Auflage) Metabolism of the Anthroposphere – Analysis, Evaluation, Design, erschienen bei MIT Press.

Bildquellen: Shutterstock, Peter Baccini

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