Urban Miner des Monats: Thomas Weber

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In unserer neuen Serie „Urban Miner des Monats“ präsentieren Menschen ihr ganz persönliches Urban Mining. Der Urban Miner dieses Monats ist Thomas Weber, Herausgeber von biorama. Ein Bücherwurm, der es nicht aushält, wenn die Alu-Dose im Restmüll landet, der an Coffee-to-go meistens vorbeigeht und der den Sternekoch Johann Reisinger besonders schätzt, weil dieser von der Wurzel bis zum Blatt alles verkocht.

Wie sieht Ihr persönliches Urban Mining aus?

Thomas Weber: Der Flohmarkt-Typ war ich nie, aber Antiquariate haben es mir angetan. Es gibt auch kaum was Schöneres als spät abends zu zweit die Nase an die Auslage von Antiquitätenläden zu pressen. Nachts ist dann auch egal, dass man sich das Ausgestellte eigentlich gar nicht leisten kann. Wahre Schätze hebe ich immer wieder aus Bücherabverkaufs-Wühlkisten in Buchläden. Die Faustregel: Je schlechter sortiert ein Buchladen, je näher dran am Mainstream, desto eher findest du was Besonderes. Ein guter Buchladen ist von seiner Betreiberin oder seinem Betreiber fein kuratiert und mit Bedacht bestückt. Klassischen Abverkauf gibt es dort oft gar keinen. Mainstream – oder gar Bahnhofsbuchhandlungen sind hingegen eher an aktuellen Bestsellern und schnellem Durchlauf interessiert. Ernsthaft interessieren sich die Verkäufer dort meist auch gar nicht für Literatur oder Sachbücher. Vollkommen unversehrte Bücher werden da oft als „Mängelexemplare“ abgestempelt und supergünstig verkauft – weil mangelhafte Bücher nicht mehr der Buchpreisbindung unterliegen und deshalb verramscht werden können. Erst vor ein paar Tagen habe ich nach einer Lesung in der Bahnhofsbuchhandlung in Linz einen Suhrkamp-Band mit Gedichten des deutsch-rumänischen Schriftstellers Franz Hodjak gefunden. Seine „Siebenbürgische Sprechübung“ hab’ ich um 2,90 Euro gekauft.
Immer wieder lande ich auf Willhaben.at. Bevor ich etwas Neues kaufe, schau ich gerne, ob es etwas Gebrauchtes günstig gibt. Vom Wahn, dass immer alles neu sein muss, bin ich nicht besessen.
Was mir auch wichtig ist: Möglichst keine Lebensmittel wegzuwerfen, was leider nicht immer gelingt, wenn man ein Patchwork-Leben mit halbwöchentlich pulsierenden Haushaltsgrößen führt. Der Gang zum Komposthaufen im Garten gehört für mich zum Alltag. Kaffeesatz, Eierschalen – mir tut es leid um jedes Gramm Biomasse, das im Restmüll landet. Zu Hause habe ich das gut im Griff und, abgesehen vom Altpapier, insgesamt wenig Müll. Im Büro zum Beispiel ist das schwieriger, weil es bei einigen Kollegen leider wenig Interesse oder Sensibilität gibt. Wenn ich sehe, dass Alu-Dosen im Restmüll landen, obwohl es dafür gleich daneben einen eigenen Sammelbehälter gäbe, dann ärgert mich das wirklich. Ich hol’ dann die Dose aus dem Mist und schmeiß sie in den richtigen Behälter. Geht das schon als Urban Mining durch?

Sicher! Ist bei Ihrem persönlichen Urban Mining auch etwas schiefgegangen? 

Thomas Weber: Nichts und niemand ist perfekt. In meinem zweiten Buch gibt es zwar ein Kapitel – „Trink Kaffee aus dem Pool“ –, in dem ich anrege, Coffee-to-Go am besten aus Mehrwegbechern zu trinken, weil es eine unglaubliche Ressourcenverschwendung ist, mit Kunststoff beschichtete, oft sogar mit Styropor ummantelte Einwegbecher nach durchschnittlich 15 Minuten einfach so wegzuwerfen. Trotzdem trinke ich wahrscheinlich auch einmal im Monat Kaffee aus einem Einwegbecher. Wobei ich immer möglichst einfache Becher verwende und bewusst nicht noch einen Kunststoffdeckel draufstecke. Gönne ich mir unterwegs in Wien einen Kaffee, dann kaufe ich den ohnehin nur bei Ströck, weil der Kaffee dort gut, biozertifiziert und fair gehandelt ist und ausschließlich Bio-Milch verkauft wird. Wobei ich meinen Kaffee mittlerweile weitgehend ohne Milch und schwarz oder als „Kleinen Braunen“ trinke. To-Go ist damit eh passé.

Was könnte bei Ihrem persönlichen Urban Mining verbessert werden?

Thomas Weber: Manchmal fällt es mir schwer, mich von materiellen Dingen zu trennen, obwohl relativ offensichtlich ist, dass ich dafür keine Verwendung mehr habe. Ich kauf wirklich ganz wenig Gewand und achte da einigermaßen konsequent auf Eco-Fashion. Aber ich hab’ altes Zeug zu Hause, von dem ich teilweise nicht mal mehr weiß, ob es mir noch passt – oder ob ich mich darin noch wohlfühlen würde.

Was ich mir beim Kochen vorgenommen habe: Nicht nur beim Fleisch, sondern auch beim Gemüse möglichst alles zu essen. Da hat mich ein „Pur essen und trinken“-Seminar von Haubenkoch Hans Reisinger und Bio-Winzer Gottfried Lamprecht inspiriert. Hans Reisinger kocht so, dass es de facto keine Abfälle und auch kaum Biomüll gibt. Aus Karottenschalen macht er in der Resthitze des Herds knusprige Chips, die Wurzeln am Frühlingszwiebel werden gut gewaschen in Pflanzenöl mitgebraten – und schmecken köstlich. Hans Reisinger hat auch am Kochbuch „Leaf To Root“ mitgearbeitet. Mich da ein bisschen einzulesen und herum zu probieren, das habe ich mir für den Sommer vorgenommen. Aber ich möchte hier niemandem etwas vormachen: Auch wenn ich verhältnismäßig wenig Müll verursache – von Zero Waste bin ich weit entfernt.

Vielen Dank für Ihr persönliches Urban Mining!

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Thomas Weber

lebt und arbeitet in Wien und Umgebung. Er ist Journalist und Herausgeber von Biorama und gibt im Residenz Verlag die Buchreihe „Leben auf Sicht“ heraus, in der u.a. Barbara Notheggers Band „Sieben Stock Dorf“ erschienen ist. Er ist Vater zweier Kinder und auf Twitter unter @th_weber aktiv.

We continue with our feature The Urban Miner of the Month. We want to introduce to you people, who already have found their own way of environmental conscious living and their individual solutions to urban mining. This time we spoke with Thomas Weber, who publishes Austria’s first magazine for sustainable living Biorama. He buys old books and tries not to throw away food, but openly admits, his lifestyle is still far away from Zero Waste.

 

 

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