Urban Minerin: Annette Hillebrandt

Urban Minerin des Monats: Annette Hillebrandt

Sie ist Architektin und forscht seit Jahren im Bereich Urban Mining. Als eines ihrer jüngsten Projekte ist Annette Hillebrandt Mitinitiatorin des Urban Mining Student Award, eines Studentenwettbewerbes, der erstmalig deutschlandweit im Wintersemester startet. Aber auch privat ist der Architektin und Wissenschafterin das Thema Urban Mining ein großes Anliegen. Sie sammelt in ihrer Freizeit Müll, hat aus ihrer Küche sämtliches Plastik verbannt und möchte ein altes Segelboot Urban Mining-gerecht umbauen.

Wie sieht Ihr persönliches Urban Mining aus?

Annette Hillebrandt: Ich kann mein berufliches Urban Mining gar nicht von meinem privaten trennen. Beruflich gibt es neben der Initiative „Urban Mining Student Award“ das Buchprojekt „Recycling Atlas“. Daneben arbeite ich an der Open-Source-Homepage „Leitfaden Urban Mining-gerechtes Bauen“ und außerdem bin ich als Gründungsmitglied der IR-Bau (Initiative Ressourcenschonende Bauwirtschaft) tätig.

Mein privates Urban Mining sieht so aus, dass ich auf meiner Joggingstrecke am Rheinufer Plastikmüll sammle, damit er nicht ins Meer gerät. Da ich mitten in Köln wohne, ist gerade bei gutem Wetter dort sehr viel los und man wundert sich schon, wie viele Leute die öffentlichen Mülleimer ignorieren. Unglaublich erscheint mir, wenn ich Verpackungen von Bio-Snacks oder Biogetränken aufsammle: Da werfen offenbar gesundheitsbewusste Menschen ihren Müll arglos in die Welt. Ich bücke mich einfach beim Joggen und transportiere ihn bis zum nächsten Sammelbehälter. Wenn ich wieder zuhause bin, ist dann Hände waschen angesagt, denn Handschuhe oder irgendein Aufhebewerkzeug finde ich albern. Außerdem möchte ich schon Vorbild sein und den Leuten zeigen: „Seht her, Ihr könnt sofort mitmachen!“ Ab und zu bemerkt jemand mein „Hobby“ und bedankt sich, aber das passiert vielleicht dreimal im Jahr. Das ist dann immer ein netter Moment.

Aus unserer Küche versuche ich jedwedes Plastik zu verbannen. Bei Elektrogeräten klappt das nicht ganz, weil es einige kleinere Geräte nur mit Kunststoffgehäuse gibt, aber sonst ist alles umgestellt auf Utensilien aus Keramik, Glas, Metall oder Holz. Mülltüten verwenden wir aus Papier oder eben gar nicht, dann wird der Eimer nachher ausgespült.

Ist bei Ihrem persönlichen Urban Mining auch etwas schiefgegangen?

Annette Hillebrandt: In unserem Architekturbüro m.schneider a.hillebrandt architektur gelingt es uns noch recht selten, die Bauherren vom Mehrwert des Urban Minings zu überzeugen, was sehr schade ist.

In der Freizeit bauen mein Partner und ich an einem alten Segelboot: Doch trotz aller Recherchen und Mühen ist es nicht möglich, das Boot Urban Mining-gerecht auszurüsten. Was der Markt als Materialien für den Bootsbau vorschlägt, ist haarsträubend: meist giftig und nicht recyclingfähig. Hier ist noch viel Forschung notwendig. Zum Beispiel ist es dringend erforderlich etwas Neues zu erfinden, das das Unterwasserschiff frei von Bewuchs hält. Wir hatten uns entschieden, auf giftige Unterwasser-Beschichtungen verzichten zu wollen, stattdessen lieber mechanisch zu putzen mit einem patentierten Gerät, das ich auf einer Messe gefunden hatte. Als wir jedoch nach einigen Monaten zur Werft zurückkehrten, hatten die Handwerker schon Fakten geschaffen: Business as usual, die giftige Beschichtung war schon aufgebracht.

Urban Minerin des Monats: Annette HillebrandtIn der Hand hat man wirklich nur, was man selber tut: also z. B. auf halogenfreie Verkabelung umstellen oder auf PVC-freie Schläuche (davon gibt es eine Menge: für Wasser-/Abwasser, Diesel oder Gas) und Kunststoffe zu verwenden, die gesundheitlich unbedenklich sind und am Nutzungsende klar sortiert recycelt werden können.

Was könnte bei Ihrem persönlichen Urban Mining verbessert werden?

Annette Hillebrandt: Ich wünsche mir auf alle Fälle mehr Zeit, um die richtigen Bauherren für ein Urban Mining-Projekt zu suchen. Unseren Recherchen für den „Recycling-Atlas“ nach, gibt es kaum ein von Grund auf „Urban-Mining-gerecht“ geplantes Gebäude, an dessen Nutzungsende der Besitzer nach Abbruch Geld zurückbekommt anstatt für die Entsorgung zu zahlen. Ich würde sehr gerne aufgeschlossene Bauherren mit auf die „Urban-Mining-Reise“ nehmen und ihnen Häuser bauen, die unabhängig von ihrem Grundstückswert ein wirkliches Erbe sind und keine Bürde. Am liebsten wäre mir ein Gebäude für ein mittelständisches Unternehmen in Familienhand, für Leute die Verantwortung übernehmen über kurzfristige Quartalsziele hinaus.

Und im Alltag wünsche ich mir mehr Zeit für das Planen der Einkäufe, damit ich die Lebensmittel unseres täglichen Bedarfs verpackungsfrei einkaufen kann. Das klappt ja wunderbar auf dem Wochenmarkt, aber man muss daran denken, Gefäße z. B. für lose Butter mitzunehmen. Auch bedürfte es erst einmal einer Recherche, woher man überhaupt z. B. Sojadrink in Mehrwegflaschen bekommt. Solche Anbieter sind auch in einer Großstadt nicht gerade an jeder Ecke zu finden.

Wir danken für Ihr persönliches Urban Mining!

Zur Person: Prof. Dipl.-Ing. Annette Hillebrandt ist seit 1994 selbständig tätige Architektin und hält nach Professuren in Kaiserslautern und Münster seit 2013 die Professur für Baukonstruktion, Entwurf und Materialkunde an der Bergischen Universität Wuppertal. Parallel dazu führt sie gemeinsam mit Martin Schneider das Planungsbüro m.schneider a.hillebrandt architektur in Köln, das auf zahlreiche ausgezeichnete Projekte zurückblicken kann. Mit ihrer Fachkenntnis und ihrem baukünstlerischen Anspruch bereichert sie als Mitglied Gestaltungsbeiräte, Preisgerichte und von Beginn an den Expertenpool der DGNB (Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen) für Rückbau- und Recyclingfreundlichkeit. 2015 erhielt sie für ihr Engagement den Urban Mining-Award.

Foto: © Jan Klee Hamburg

Woman Urban Miner of the Month: Annette Hillebrandt

She is an architect and has been doing research in urban mining for years. In one of her most recent projects, Annette Hillebrandt co-initiated the Urban Mining Student Award, a competition for students that will be launched across Germany in the winter term. But on a private level, too, urban mining is a major concern for the architect and scientist. She collects litter in her leisure time, no longer uses any plastic in her kitchen and has plans to convert an old sailboat in line with urban mining principles.

What is your personal urban mining like?

Annette Hillebrandt: I can’t really separate my professional take on urban mining from my personal urban mining. Professionally, there is the “Urban Mining Student Award” initiative and the “Recycling Atlas” book project. On the side, I work on the open source website “Leitfaden Urban Mining-gerechtes Bauen” (Guidelines for construction in consonance with urban mining principles) and am an active founding member of IR-Bau (Initiative Ressourcenschonende Bauwirtschaft [low-resource construction]).

My personal urban mining involves collecting plastic litter while jogging along the Rhine River banks so that it doesn’t end up in the sea. As I live in the middle of Köln, the area is very busy, especially when the weather is fair, and it’s amazing how many people simply ignore public litter bins. It’s can’t believe my eyes when I pick up packaging for organic food and organic drinks: even people who are obviously health-conscious carelessly throw their litter on the ground. I just bend over while jogging and take the litter to the next bin. Once I’m back home, I’ll wash my hands, simply because I find wearing gloves or using some kind of pick-up contraption silly. I also want to be a role model and show people: “Look here, you can join me right away!” Now and then, someone will take notice of my “hobby” and thank me, but that happens perhaps thrice a year. That’s always a nice moment.

I try to keep all forms of plastic out of our kitchen. It doesn’t always work with electrical appliances, because some small gadgets are only available in a plastic casing. All other utensils we use are now made of ceramic, glass, metal or wood. Our bin liners are made of paper or we just do without them and rinse the bucket once it’s been emptied.

Has anything ever gone wrong in your personal urban mining?

Annette Hillebrandt: In our architect’s office m.schneider a.hillebrandt architektur we still find it hard to convince developers of the added valued that urban mining offers, which is a real shame.

In our free time, my partner and I work on an old sailboat: in spite of all the research and efforts we’ve put into this, it’s simply impossible to fit the boat in an urban-mining-appropriate way. The materials the market provides for boat building are dreadful: usually they’re poisonous and do not lend themselves to recycling. Lots of research is needed in that area. Something new needs to be invented urgently to keep the hull free of marine growth, for example. We had decided not to use poisonous underwater coatings and to clean the hull mechanically instead, using a patented device that I came across at a trade fair. When we returned to the shipyard after several months, the workmen had already done their number: business as usual, the poisonous coating had already been applied.

You’re really only in control when you do things yourself: for example, switching to halogen-free cables or PVC-free hoses (there are lots of those: for water and effluents, diesel or gas) and using plastics that do not present a health risk and are easy to sort for recycling at the end of their service life.

How could your personal urban mining be improved?

Annette Hillebrandt: What I’d wish for, in any case, is more time to find the right developers for an urban mining project. The research we did for the “Recycling-Atlas” revealed that there is hardly any building designed completely in line with “urban-mining-appropriate” principles where the owner gets his or her money back once it’s demolished instead of having to pay money for the disposal. I would like to take open-minded developers on the “urban-mining trip” and build houses for them that, regardless of their property value, represent a real legacy and no burden. What I would really like is a building for a medium-sized enterprise run as a family business, for people who take their responsibility seriously beyond short-term quarterly targets.

And in my day-to-day life, I’d like to have more time to plan my shopping so that I manage to buy our everyday groceries without any packaging at all. It works really well on the farmers’ market, but you need to remember to take along containers, for instance for the butter. What we would also need is some research to find out where soy drinks, for instance, can be bought in returnable bottles. Even in big cities you won’t exactly find such retailers at every corner.

Thank you very much for your personal urban mining!

Profile: Prof. Dipl.-Ing. Annette Hillebrandt has been self-employed as an architect since 1994 and, after professorships in Kaiserslautern and Münster, has been Professor for Building Construction, Design and Material Science at Bergische Universität Wuppertal since 2013. At the same time, together with Martin Schneider, she heads the planning office m.schneider a.hillebrandt architektur in Köln that has numerous award-winning projects to its credit. Sharing her rich expertise and commitment to high architectural standards, she serves on advisory design boards, award juries and, right from the start, on the expert pool for decommissioning- and recycling-friendliness of the German Sustainable Building Council (DGNB – Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen). In 2015, she was honoured with the Urban Mining Award for her commitment.

Photograph: © Jan Klee Hamburg

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