Urban Minerin des Monats: Olga Witt

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Olga Witt ist Architektin. Ihren Beruf übt sie aber derzeit nicht aus. Stattdessen widmet sie sich voll und ganz dem Thema Müllvermeidung. Sie hält Vorträge an Schulen, ist Bloggerin, Buchautorin und Mitbegründerin von Kölns erstem Unverpackt-Geschäft.

Wie sieht Ihr persönliches Urban Mining aus?

Olga Witt: Als Zero Wastler versuche ich in meinem Alltag so wenig Müll wie möglich zu hinterlassen. Es geht darum, meinen Bedarf an Ressourcen zu reduzieren und auf einem verträglicheren Niveau zu leben. Die meisten unserer Konsumentscheidungen basieren auf Ausbeutung von Menschen in fernen Ländern, Tieren und natürlich dem Ökosystem, von dem wir alle abhängig sind. Je weniger ich konsumiere, desto geringer ist mein Anteil daran. Das gibt mir einerseits ein besseres Gewissen. Andererseits merke ich immer wieder, wie befreiend es sich anfühlt.
Dabei folge ich 5 Grundsätzen:
Reduce – Ich reduziere meinen Konsum auf das Wesentliche.
Reuse – Ich nutze Dinge so lange sie noch nutzbar sind und tausche sie nicht aus einer Mode heraus aus. Was ich nicht mehr brauche, verschenke ich, so dass es jemand anderer weiter nutzen kann. Wenn ich etwas brauche, schaue ich, dass ich es gebraucht bekomme. Dabei liebe ich z. B. Kleidertauschpartys. Ich bringe Kleidung mit, die ich nicht mehr anziehen möchte; werde sie also los, ohne mir Gedanken darüber zu machen. Dafür kann ich mich ganz umsonst neu einkleiden mit dem, was andere aus ihren Schränken aussortieren. Das gilt auch für alle anderen Gebrauchtgegenstände. Ein großer Teil unserer Wohnung ist mit Möbeln vom Sperrmüll eingerichtet. Ich bin immer wieder erschüttert, was für Möbel dort weggeschmissen werden. Am liebsten würde ich alles einsammeln und vor dem Müll retten, aber das kann ich leider nicht.
Urban Minerin: Olga WittWas nicht mehr ganz intakt ist, wird repariert, auch wenn ein neues Teil günstiger wäre.
Weiters verwende ich keine Einwegprodukte wie Küchenrolle, Klopapier, Tampons, Einwegrasierer oder Papiertaschentücher, sondern nutzte Lappen, Hygienebrause, Menstruationstasse, Rasierhobel, Stofftaschentücher, etc.. Vieles davon ist nicht neu und hat auch meine Oma schon so gemacht. Lediglich Werbung und vermeintliche Gemütlichkeit haben uns vergessen lassen.
Recycle – Ich trenne sehr sorgsam das letzte bisschen Müll, das entsteht, denn nur so besteht die Möglichkeit, die Wertstoffe heraus zu sortieren und wieder nutzbar zu machen. Das Recycling steht aber erst an dritter Stelle, da die ersten beiden Punkte immer zu bevorzugen sind. Denn jedes Recycling verbraucht Energie und weitere Ressourcen und je nach Stoff nimmt die Materialgüte ab, so dass nur noch minderwertige Produkte daraus erstellt werden können.
Refuse – Ich versuche aufmerksam durch die Welt zu gehen, um im rechten Moment ablehnen zu können. Denn viel unnötiges Material und damit eben auch Müll bekommen wir Tag täglich in die Hand gedrückt, ohne dass wir danach fragen oder es gar brauchen. Gerade in Wahlkämpfen kann man sich besonders gut im Ablehnen üben. Denn hier herrscht eine regelrechte Materialschlacht, als würden die Stimmen an der Menge der verteilten Kugelschreiber, entschieden werden.
Rethink – Die Erziehung der Eltern, der Einfluss von Werbung und Medien, die Gruppendynamik unserer Mitmenschen, unser Umfeld, unsere Freunde – all das sind Faktoren, die unser tägliches Handeln bestimmen. Das erzeugt tiefsitzende Glaubenssätze, wie etwas zu sein hat, die wir alle mit uns rumschleppen. Ich versuche mich davon frei zu machen und neu nachzudenken – meine Umwelt neu wahrzunehmen, mir eine neue, eigene Meinung zu bilden. Das fängt bei der richtigen Art an, sich den Po zu reinigen und hört auch bei der Frage, ob ein Vollzeitjob wirklich erstrebenswert ist oder ob vor meiner Haustür ein Auto oder ein Gemüsebeet stehen sollte, nicht auf. So glaube ich natürlich nicht, dass es sinnvoll ist, dass wir alle 40 Stunden in der Woche einer Erwerbsarbeit nachgehen sollten und auch nicht, dass es ein Menschenrecht ist, einen Parkplatz vor der Tür zu haben.
Das Neudenken betrifft alle Bereiche des Lebens. Alles darf und muss neu gedacht werden. Nur so kommen wir zu einer wirklichen Veränderung, die uns ein Leben im Einklang mit der Natur und ihren Ressourcen erlaubt. Und nur so kommen wir auch unserer eigenen Natur wieder näher.

Ist bei Ihrem Urban Mining auch etwas schiefgegangen?

Olga Witt: Von schief laufen kann keine Rede sein. Generell sind solche Lebenswege ein Prozess. Je länger man sich damit beschäftigt, desto tiefer steigt man hinein und desto umfassender handelt man danach.
Aber keiner ist perfekt und kann seine selbst gesteckten Ziele immer zu 100% umsetzen und so lebe auch ich nicht vollkommen ohne Müll, vollkommen regional und vollkommen bio. Das entscheidende ist, dass man nicht aufhört sich zu bewegen.

Was könnte bei Ihrem Urban Mining verbessert werden?

Olga Witt: Da ich einen „Unverpackt Laden“ führe, komme ich immer mehr damit in Kontakt, wie viele Ressourcen im Lebensmittelmarkt verschwendet werden. Wir reduzieren zwar das Verpackungsmaterial, aber sind bei jeder neuen Lieferung wieder schockiert, wie viel im Hintergrund trotzdem noch anfällt.
Wir wünschen uns hier ein bundesweites Mehrwegsystem.
Außerdem finde ich es schade, dass in unserem Mehrfamilienhaus das Regenwasser in die Kanalisation läuft und ich meine Blumen mit Leitungswasser gieße.
Das gleiche gilt für die Toilette. Ich spüle täglich so viele Liter Frischwasser herunter, nur um meine Fäkalien zu entsorgen, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme. Meine Fäkalien werden dabei zu Müll, der aufwendig wiederaufbereitet werden muss. Würde man die Fäkalien trennen, beispielsweise über eine Trockentrenntoilette, könnte man beides als hochwertigen Dünger nutzen.
Das sind nur zwei Beispiele dafür, was in unserem System grundlegend schiefläuft.

Urban Minerin: Olga WittZur Person:

Die Autorin von “Ein Leben ohne Müll – Mein Weg mit Zero Waste” lebt seit 2013 nach dem Zero Waste Prinzip und bloggt dazu auf Zero Waste Lifestyle. Eigentlich ist sie gelernte Architektin, hat ihren Beruf jedoch zurzeit auf Eis gelegt, um sich ganz dem Thema Müllvermeidung zu widmen. Sie hält Vorträge und berät Schulen und Unternehmen und seit 2016 ist Olga Witt Mitgründerin von Kölns erstem Unverpackt Laden „Tante Olga“ und des Onlineshops zerowasteladen.de – alles, was man braucht, für ein Leben ohne Müll.

German Blogger Olga Witt tries to live a “zero-waste-live”. She tries to refuse, reduce and to reuse rather than to recycle. She believes we have to start by rethinking our way of life. Read more about it on her blog: Zero Waste Lifestyle.

 

 

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