Urban Mining ist mehr

„Müll ist das Bergwerk der Zukunft“. Solche oder ähnliche Aussagen lesen wir in der jüngsten Vergangenheit zuhauf. Der Begriff des „Urban Mining“ scheint nun endgültig in unsere Köpfe eingezogen zu sein und das ist gut so. Erst wenn eine Erkenntnis in das allgemeine Wissen und Bewusstsein übergegangen ist, ist die Chance gegeben, dass sie in diversen Strategien umgesetzt wird. Trotzdem bin ich mit dem Erreichten noch nicht zufrieden. Das was hier oftmals als „Urban Mining“ bezeichnet wird, trifft das was die Erfinder darunter verstanden und verstehen nur sehr am Rande. Meist handelt es sich hier um die Verwertung von Siedlungsabfällen, häufig im Zusammenhang mit der Produktion von Sekundärbrennstoffen. Obwohl das in der Regel notwenige Beiträge zu einer zielorientierten Abfallwirtschaft sind, besteht die Gefahr, dass ein Begriff bzw. Schlagwort seines konzeptionellen Wertes beraubt wird und rasch auf dem Worthülsenacker landet. Warum?

Das sogenannte anthropogene Lager (ohne Deponien) umfasst alle vom Menschen erzeugten und genutzten Produkte. Es besteht massenmäßig im Wesentlichen aus Bauwerken und Infrastruktur. Die Masse dieses Lagers wird auf ca. 350 – 400 t/Einwohner geschätzt. Die materielle Zusammensetzung ist nur ungefähr bekannt: sie besteht hauptsächlich aus mineralischen Materialien wie Steine, Kies, Beton und Ziegel, aus Stahl, Holz, Aluminium und Kunststoffen. Stellt man die erwähnten 350 – 400 t/E bspw. dem Aufkommen an Siedlungsabfällen, also Restmüll und separat gesammelten Abfällen wie Altpapier, Altmetalle, Kunststoffe etc. gegenüber (0,35 – 0,45 t/E.a), so erkennt man, welch großes Rohstoffpotenzial in den Siedlungen enthalten ist und wo das urbane Bergwerk sich tatsächlich befindet. Eine Beschränkung auf Siedlungsabfälle und dergleichen greift hier zu kurz. Urban Mining ist mehr.

Eine Abschätzung des globalen Kupferhaushalts ergibt, dass ca. 300 Mio. Tonnen an Kupfer derzeit genutzt werden. Dieser Kupferbestand ist ungleich verteilt und kann ca. 1,5 Mrd. Menschen zugerechnet werden, was ca. 200 kg Cu/Einwohner ergibt. Die Reserven an Kupfer betragen ca. 490 Mio. Tonnen. Nimmt man an, dass diese Reserven zumindest in gleichem Maße für alle 6 Mrd. Erdbewohner reserviert sind, so verbleiben weniger als 100 kg Cu/E. Diese einfache Abschätzung zeigt, dass bzgl. Kupfer die anthropogenen Bestände, welche in Infrastruktur, Bauwerken und mittellanglebigen Produkten enthalten sind, den natürlichen Reserven massenmäßig ebenbürtig sind. Es ist davon auszugehen, dass ein ähnlicher Sachverhalt für eine Vielzahl anderer Ressourcen vorliegt. Es ist daher zu fordern, dass, im Sinne einer gerechteren Ressourcenverteilung, der Rohstoffbedarf von hochentwickelten Volkswirtschaften zukünftig hauptsächlich durch die Gewinnung von Sekundärressourcen zu decken ist (Urban Mining) und die Primärlagerstätten den Entwicklungsländern zur Verfügung stehen.

Weiters ist zu bedenken, dass infolge der Dynamik des anthropogenen Stoffhaushaltes zukünftig mit einem Anstieg an Abfällen aus den längerfristigen Nutzungen (z.B. Baurestmassen) zu rechnen ist. Dies ergibt sich alleine aus der Tatsache, dass die Nutzung fester Güter, hauptsächlich in der Form von Baumaterialien über die vergangenen Jahrzehnte heute auf rund 10 Tonnen pro Einwohner und Jahr angestiegen sind. Die Baumaterialien werden einige Jahrzehnte genutzt (40 – 100+ Jahre), wobei die Nutzungszeiten im Bauwesen tendenziell kürzer werden. Sofern Baumaterialien nach der Nutzung nicht im Bestand verbleiben („hibernating materials“), fallen sie als Baurestmassen an. Das Aufkommen an Baurestmassen ist vergleichsweise schlecht dokumentiert, man muss jedoch heute bereits mit einem spezifischen Anfall von ca. 2 Tonnen pro Einwohner und Jahr rechnen. In den kommenden Jahrzehnten ist zumindest mit einer Verdoppelung zu rechnen. In Folge der begrenzten Deponiekapazitäten ergibt sich daraus ebenfalls die Notwendigkeit Bauwerke als Rohstofflager zu erkennen und effektives Recycling (Urban Mining) zur Entlastung der Deponien zu betreiben.

Um dies betreiben zu können, ist es notwendig die materielle Zusammensetzung der Bauwerke besser als dies heute der Fall ist zu kennen. Einerseits ist dies aus technischen Gründen notwendig, um effiziente Recyclingstrategien und –technologien zu entwickeln und andererseits, um langfristige Ressourcenbewirtschaftung und Erfolgskontrolle betreiben zu können. Dass hier die Wissenslücke besonders groß ist, liegt an zweierlei Besonderheiten: Erstens sind Bauwerke in der Regel Unikate: jedes Bauwerk unterscheidet sich vom nächsten. Zweitens werden Bauwerke meist für eine Nutzungsdauer von einigen Jahrzehnten ausgelegt und somit ist der Verwertungsgedanke im Planungsprozess nicht so nahe liegend wie dies in etwa bei einem kurzlebigeren Elektronikprodukt immer stärker der Fall ist.

Zwei Ansätze, die derzeit an der TU Wien entwickelt werden, können hier helfen: In einem ersten Schritt soll die materielle Zusammensetzung eines neu entstehenden Bauwerkes in Form eines Gebäudepasses dokumentiert werden. Man geht dabei von der Hypothese aus, dass die materielle Zusammensetzung in der Planungsphase sehr genau bekannt ist. Diese prinzipiell vorhandene Information ist derart aufzubereiten und zu dokumentieren, dass sie im Falle des vollständigen oder teilweisen Abbruchs des Bauwerkes als Planungsgrundlage zur Verfügung steht. Es wäre dann möglich das Rohstoffpotenzial eines Bauwerkes abzuschätzen und die Effizienz des Rückbaus zu kontrollieren. Der flächendeckende Einsatz des materiellen Gebäudepasses würde zu einer Art Rohstoffkataster führen, in der Art, dass man wüsste welche Massen an ausgewählten potenziellen Sekundärrohstoffen in einer Siedlung gespeichert sind und welche Mengen auf Grund von Um- und Rückbau wann zu erwarten sind. Dies ist im Sinne des Urban Mining für die Recycling-Industrie als Planungsgrundlage von großer Bedeutung. Es ist durchaus davon auszugehen, dass bei steigenden Energiepreisen zukünftig ganze Branchen in Europa ihren Rohstoffbedarf überwiegend aus Schrotten abdecken werden. In einem weiteren Schritt sollen „Design for Recycling“- Ansätze, wie sie aus dem Bereich der Gestaltung von Elektronik- und Automotivprodukten bekannt sind, in den Planungsprozess von Bauwerken integriert werden. Dadurch soll die Rezyklierbarkeit von Bauwerken verbessert werden – eine wesentliche Grundlage dafür, dass hohe Recyclingziele zukünftig ökonomisch und ökologisch umgesetzt werden können.

Das überwiegende Potenzial des Urban Mining liegt also in der Bewirtschaftung der Materialien, die in Siedlungen und Infrastrukturen gespeichert sind. Es ist zu wünschen, dass wir weiterhin viel über die Realisierung von Urban Mining Projekten hören, jedoch auch vermehrt im beschriebenen Zusammenhang mit dem Bauwesen. Erst wenn dies erreicht ist, wird die anzahlmäßige und inhaltliche Verwendung des Begriffes Urban Mining unbedeutend.

Quelle: Rechberger, H.: Urban Mining ist mehr; MüllMagazin 2/2009; S.2 (Rubrik: Auf ein Wort), Rhombos-Verlag, ISSN 0934-3482

Fotos: Shutterstock

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