Von Dosenbergen und Sammlerstücken


Es ist früh am Morgen, dennoch herrscht bei der Firma Altmetalle Kranner im 20. Bezirk Wien reger Betrieb. Nicht gerade der ruhigste oder besinnlichste Ort, an dem man einen Montag Morgen verbringen kann. Die Stimmung allerdings heiter. Das steckt auch mich an.

Bei einer Tasse Kaffee erklären mir Brigitte und Felix Kranner, was in den nächsten paar Stunden wahrscheinlich passieren wird. Montag kommen viele Menschen, um altes Metall in jeglicher Form bei den Kranners abzugeben, mit der Hoffnung ein bisschen Geld im Gegenzug dafür mit nach Hause nehmen zu können.

Generationenbetrieb

Die Firma Altmetalle Kranner wird mittlerweile in der dritten Generation geführt. Begonnen hat alles aber schon viel früher. Damals, nach dem Krieg, als es jede Menge Schrott gab, aber sonst sehr wenig. Mit Patronen und Panzern, so genannten Überschussgütern, die von den Besatzungsmächten zurückgelassen wurden, entstand ein Handel. Man sammelte und verkaufte weiter. Schrotthandel ist das Geschäft. Es gab kein richtiges Büro und keine Mitarbeiter. In den darauffolgenden Jahren sollte sich das ändern. Heute arbeiten über zwanzig Menschen für Altmetalle Kranner an zwei Standorten. Das Geschäft ist immer noch dasselbe.


Betrug ist kein Kavaliersdelikt

Nach dem Kaffee führt mein Weg aus dem gesicherten Büro nach draußen auf den Hof. Beim Eingang ist die erste Waage. Man befährt sie mit dem Auto, macht Halt und lässt sein Gewicht bei der Einfahrt ermitteln. Nach dem Wiegen fährt man weiter zum Ausladen. Erstmal abgeladen ein kurzer Plausch mit den Mitarbeitern der Kranners oder den Kranners selbst. Man kennt sich. Oft schon seit Jahren. Danach führt der Weg erneut auf die Waage. Das Gewicht wird ein weiteres Mal festgestellt. Die Differenz ergibt den Wert des abgeladenen Metalls. Mit einem Bon kann man sich den Wert in Geld an der Kasse auszahlen lassen. Die Kasse befindet sich hinter einem Schutzglas. Die Kranners haben sich im Laufe der Jahre an Kuriositäten, aber auch an Kriminalität, gewöhnt. Etwas Schlimmes ist zum Glück noch nie passiert. Der Versuch des Betrugs ist am häufigsten. Dabei wird das Auto zum Beispiel mit Kübeln voller Wasser beladen, bevor man es auf der Waage abstellt. Die Kübeln werden nachher am Gelände möglichst heimlich entleert. „Sie probieren es immer wieder. Als wären sie die Ersten, die auf die Idee kämen. Meistens bemerken wir es. Dagegen kann man einfach nichts machen. Menschen, die versuchen zu betrügen, wird es immer geben“, sieht Felix Kranner das Ganze schon eher gelassen. Aber es ist kein Kavaliersdelikt. Versuchter Betrug wird ausnahmslos zur Anzeige gebracht. „Aber das sind die wenigen negativen Aspekte. Reden wir über das Positive.“


Fleißige Arbeitskräfte, die geschätzt werden

Also sprechen wir über die Mitarbeiter der Kranners. „Wir haben fast nur ältere Arbeitskräfte. Die, die sich auf unserem Arbeitsmarkt eher schwer tun und kaum Arbeit finden. Viele sind auch nicht aus Österreich. Wir schätzen sie unglaublich, denn sie sind sehr fleißig, arbeiten ordentlich und genau. Und man sieht, dass sie Freude daran haben!“, ist der Eindruck von Herrn Kranner. Den Eindruck bekomme auch ich in den Stunden am Schrottplatz. Die Arbeiter verstehen sich sehr gut untereinander, sie sind engagiert, lachen mit mir, und sie sind konzentriert bei dem, was sie machen. Die Arbeit ist keine leichte. Ein wenig bin ich an diesem Tag die Kuriosität. Eine Journalistin, die über sie berichten wird. Man beobachtet mich.

Was ist kurios? – Hängt vom Betrachter ab

Für die Mitarbeiter und die „Lieferanten“ bin ich die Kuriosität. Für mich sind es die Menschen und ihre Gegenstände, die sie bringen. So wie der ehemalige Bestatter. Er kommt mit einem Karren voller Dosen. Eine außerordentliche Menge an Dosen. Aufgeschnürt auf diesen Karren, den er mit der Hand zieht. Der Dosensammler ist einer der fleißigsten Sammler. Er sammelt ständig und muss immer etwas tun. Leider schafft er es nicht mehr sich in die Gesellschaft einzugliedern. Mit dem Sammeln von Dosen versucht er ein bisschen Geld zu erwirtschaften. „Ist das lukrativ?“, frage ich Herrn Kranner. „Nein, die Dosen bringen kaum Geld. Ich weiß nicht, warum er nicht einfach mal etwas anderes sammelt. Er ist so fleißig, er könnte viel mehr Geld verdienen. Aber er lernt nicht dazu.“ Der ehemalige Bestatter ist stolz auf seine vielen Dosen. Ich möchte wissen, ob das die Arbeit einer ganzen Woche ist. Er winkt ab. „Das habe ich in den letzten Stunden gesammelt.“ Er muss wissen wo.

Für die kleineren Mengen gibt es noch eine zweite Waage. Viele Arbeiter vom Bau kommen und bringen altes Metall, das sie hier problemlos abgeben können. Später wird man es wiederverwenden können. Sie sind Stammkunden bei den Kranners. Auf der Baustelle fällt immer Material zur Entsorgung an. Man lädt die unterschiedlichen Metalle – jedes hat seinen eigenen Wert – hintereinander auf die Waage, es wird gewogen, dann kann man sich mit den Belegen, wie auch bei der Autowaage, den monetären Gegenwert am Schalter holen. Mal mehr, mal weniger. Abgeliefert werden alle Arten von Metall, manche als Kabel verpackt, andere „pur“. Darunter auch Teile von Zäunen, Dachbleche, Türklinken, Reste von Duschschläuchen und –köpfen, Armaturen, Motoren, Reste von Boilern … Die Liste ließe sich endlos weiter führen. Plötzlich macht sich Lachen breit. Ich drehe mich um. Unter den Alltagsgegenständen wurde ein kleine Statue entdeckt. Die hat wohl jemand aus seinem Hausrat entfernt. Es ist ein kleiner nackter Junge aus Eisen, der zur allgemeinen Erheiterung beiträgt.

Was einen zu den Kranners führt

Die Menschen werden aus unterschiedlichen Gründen zu Sammlern. Ich lerne Männer kennen, die auf der Baustelle arbeiten, ihre Arbeit tun und die Metalle ordnungsgemäß in den Stoffkreislauf zurück führen. Ich lerne Männer kennen, die keine Arbeit haben, am Rande der Gesellschaft leben und ein paar Euro verdienen wollen. Ich lerne Ehepaare kennen, die nach langer Zeit, ihre Keller oder Dachböden entrümpeln. Ich sehe Frauen und Männer, die mir nicht erzählen möchten, was sie herführt, aber von denen ich vermute, dass sie dieses Geld, das ihnen der Schrott bringt, sehr gut brauchen können. Insgesamt sehe ich fleißige, freundliche und liebenswürdige Menschen bei den Kranners. Und Schicksale.



Das Geschäft mit dem Schrott

Nachdem die Metalle ihren Weg zu den Kranners gefunden haben, die Menschen, die sie gebracht haben, dafür bezahlt worden sind, geht der Kreislauf weiter. Große Mengen, werden auch von den Kranners abgeholt. Auf der Webseite ist einfach und genau dargestellt, welche Metalle man einlösen kann. Metalle werden getrennt und sortiert. Nicht alles kann hier in Brigittenau gemacht werden. Einiges, nicht per Hand zerlegbares, wird an den zweiten Standort in Stetten bei Korneuburg geführt. Dort getrennt und dann weiter verkauft an Betriebe, die das Metall weiter verarbeiten können. Warum? Damit die Umwelt geschont wird und wir unsere Rohstoffe und somit auch unsere Welt respektvoll behandeln.

Bildquelle: Nina Prehofer

TAGS
, , ,

X zurück
Comments via Urban Mining

Urban Miner Martin Aschauer

Urban Miner of the Month: Martin Aschauer

Er ist es gewohnt, die Kommunikation zu gestalten. Als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit von GLOBAL 2000 entwickelt Martin Aschauer Strategien und Visionen für eine nachh...

> more

Konfliktmineralien

Transparenz bedeutet weniger Leid

Der Verkauf von Rohstoffen füllt so manche Kriegskassa und führt zu massivem Elend in politisch instabilen Regionen. Damit menschliches Leid rund um diese „Konfliktmin...

> more

Warehouse in Abu Dhabi

Picture of the Month – November

Warehouse in Abu Dhabi/Foto: ©Brigitte Kranner Was wären die Vereinigten Arabischen Emirate ohne ihre Lagerhäuser? Während einige dieser „Warehouses“ international...

> more

Wertstoffwende im Harz

Wertstoffwende im Harz

Schon seit geraumer Zeit arbeiten einige Hochschulen Deutschlands zum Thema Recycling eng zusammen. Nun haben sich diese kooperierenden Institutionen zum Ziel gesetzt, den...

> more