Warum immer im Kreis?

Müll_Deponie

Cycles, spirals and linaer flows“ ist der Titel einer Publikation von Univ. Prof. Dr. Paul H. Brunner, in der er eine die Idee einer grundlegenden Richtungsänderung der ganzen Abfallwirtschaft thematisiert. Wir freuen uns, eine kurze Zusammenfassung seines Artikels veröffentlichen zu können. Prof. Brunner ist Vorstand des Instituts für Wassergüte, Ressourcenmanagement und Abfallwirtschaft an der TU Wien.

In der Abfallwirtschaft spricht man gerne von Kreisläufen und Lebenszyklen. Dabei muss „Mutter Natur“ als Vorbild herhalten, quasi als Prototyp der Kreislaufwirtschaft.

Die Entstehung und Entwicklung unserer Erde war aber alles andere als ein Kreislauf. Die Biosphäre ist das komplexeste und anspruchsvollste System, das wir kennen. Ihre Entwicklung verlief eher spiralförmig, nie kommt sie zum selben Punkt zurück. Gerade deshalb entwickelt sich die Natur weiter.

Brunner plädiert dafür, den Kreislaufgedanken als Recycling-Paradigma in der Abfallwirtschaft aufzugeben und sich anderen kybernetischen Erklärungsmodellen zu öffnen. So könnte man Abfallmanagement ganz neu denken.

Alle anthropogenen Systeme verursachen Abfälle. Man kann sich zwar bemühen, möglichst viele Stoffe wiederzuverwenden oder zu recyceln, am Ende bleiben aber immer Stoffe übrig, die sich aus wirtschaftlicher oder technischer Sicht nicht recyceln lassen.

Undifferenziert Recyclingmethoden für alle Stoffe zu verlangen, ist unrealistisch. Damit ignoriert man die verschiedenen Verwendungen, chemischen Eigenschaften und das unterschiedliche biochemische Verhalten von zehntausenden heute verwendeten Substanzen. „Zero Waste“ ist zwar wünschenswert, aus wirtschaftlichen und thermodynamischen Gründen aber nicht realisierbar.

Stetig werden neue Substanzen entwickelt, um neue Funktionen zu erfüllen. Das Recyceln dieser Substanzen wird uns vor heute nicht vorstellbare Schwierigkeiten stellen. Auch deswegen, weil wir die Entsorgung oder Wiederverwertung bei der Produktentwicklung nicht einbeziehen. Ein Ausweg wäre hier die systematische Verknüpfung von Güterproduktion und Abfallbehandlung. Design ist für das Recycling wichtig – vielleicht müsste es bei künftiger Gütererzeugung sogar Pflicht sein.

Nicht nur die Technologie der Produktionsprozesse ändert sich, auch jene des Recyclings. Wer weiß schon, welche Technologien in vierzig Jahren zur Verfügung stehen werden? Dann, wenn unsere jetzige Infrastruktur samt ihrer Gebäude obsolet und damit zu Abfall wird? Man weiß es nicht.

Die erklärten Ziele des Abfallmanagements sind es, Mensch und Natur zu schützen, Rohstoffe, Raum und Energie zu bewahren und unseren Nachbarn, respektive den zukünftigen Generationen keine Altlasten zu hinterlassen. Wir haben die Abfallhierarchie – vermeiden, wiederverwenden, wiederverwerten – bereits internalisiert und ideologisiert.

Brunner dagegen denkt hier weiter, vernetzter: Die Idee alles im Kreislauf zu führen oder ein Deponieverbot auszusprechen, greift viel zu kurz. Aber auch die ausschließliche Entsorgung kann aus hygienischen Gründen, wegen der Zerstörung organischer Schadstoffe oder der Beseitigung anorganischer Schadstoffe nicht die erste und einzige Wahl sein. Fortschritt in Entwicklungsländern kann nur mit verbesserter Hygiene und Schadstoffzerstörung beginnen. Die Abfallhierarchie wird auf den Kopf gestellt, und es ist gut so.

Man muss der Abfallfrage offen und unvoreingenommen gegenüberstehen. Nur so lassen sich wirksame, leistbare und an das jeweilige Land angepasste Lösungen finden. Die Abfallhierarchie als alleiniges Entscheidungskriterium heranzuziehen, sollte unbedingt überdacht werden. Die Entscheidung, ob Vermeidung, Reuse, Recyceln oder Verbrennen zur Lösung eines Abfallproblems anzuwenden ist, sollte nicht aufgrund einer Abfallhierarchie, und damit anhand von ideologischen Kriterien erfolgen. Im Vordergrund sollte ein anderer Gedanke stehen. Solche Entscheidungen sollten im Hinblick auf die Ziele der Abfallwirtschaft gefällt werden. Und das auf möglichst wirtschaftliche Art und Weise: wenn Prävention wirtschaftlicher ist, dann Prävention. Ist Verbrennung der wirtschaftlichere Weg zur Zielerreichung, dann eben Verbrennung.

Abfallwirtschaft sollte der Sache, nicht einer Ideologie dienen.

Die volle Publikation ist unter folgendem link verfügbar:
http://wmr.sagepub.com/content/31/10_suppl/1.full.pdf

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