Bild gewordene Poesie

No Man’s Land

Lässig liegt der Schimpanse auf der Trage im verwaisten Operationssaal. Durch Löcher im Plafond dringt Wasser. Mäßig neugierig blickt ein Löwe durch ein offenes Fenster eines nicht mehr bewohnten Schlosses. Bedächtig schlingt sich eine Anakonda um eine freistehende Marmorbadewanne, darüber ein lieblos gekitteter Riss auf einer bunt bemalten Wand. Verloren steht ein Pferd neben seinem toten Artgenossen, sie suchten Schutz unter einer wenig genutzten Eisenbahnbrücke.

Realität und Fiktion verschwimmen in diesem Bildband zu einer Einheit. Dabei wird nichts dem Zufall überlassen: Die Fotobearbeitung ist vom Feinsten; die Auswahl der Motive ist verstörend bis faszinierend; Bildkomposition und Farbgebung ziehen den Leser in den Bann. Fake oder Nicht Fake ist hier nicht mehr zu unterscheiden.

No Man’s Land

Ausgangspunkt für diesen fesselnden Bildband sind Lost Places, also vom Menschen geschaffene und wieder verlassene Bauten und Orte, die langsam verfallen und meist von der Natur wieder übernommen werden. Eine spezielle Art von Wildnis, die durch die Tiere eine wunderbare Ergänzung erfährt und die Phantasie anregt. Ein surrealistisches Bilderbuch.

Es so stehen zu lassen, hätte gereicht. Die Hintergrundgeschichte, dass die Menschheit (und nur die Menschen) – durch eine fürchterliche Pandemie oder durch einen Reaktorunfall ausgelöscht wurde, ist nicht notwendig. Darauf weisen eine sehr nüchterne, analysierende Einleitung des berühmten britischen Zoologen Desmond Morris und ein literarisch ansprechender Epilog des niederländischen Literaten Peter Verhelst hin.

No Man’s Land

Die Fotos haben Titel, es gibt aber keine Angaben zu den Orten. Erst mag das verstören, am Ende des Buches aber weiß man, dass Ort und Zeit in diesem Bildband keine Bedeutung haben.

Fotos: © Henk van Rensbergen/Knesebeck Verlag 

No Man’s LandHenk van Rensbergen/Desmond Norris/Peter Verhelst; No Man’s Land. Zwischen Utopie und Wirklichkeit verlassener Orte; Kneselbeck Verlag; ISBN 978-3-95728-153-1

Lost places inhabited by wild animals. An illustrated book to enliven phantasy, to be read in any language.

TAGS
, , ,

X zurück
Comments via Urban Mining

Urban Miner: Dirk E. Hebel

Urban Miner: Dirk E. Hebel

Architekt Dirk E. Hebel plant Gebäude mit Materialien, die schon einen Lebenszyklus hinter sich haben. Nach UMAR (gemeinsam mit Werner Sobek und Felix Heisel) laufen derz...

> more

Requisitenfundus Nordwestbahnhof Wien

Reicher Schatz an alten Objekten

Ein riesiges Lagerhaus auf einem aufgelassenen Bahnhofsgelände voll mit Film- und Theaterrequisiten – es handelt sich dabei um eine spezielle Form des Urban Minings, di...

> more

Hoehenrausch Linz der Denker Werner Merzeder

Picture of the Month: October

„Der Denker“ in Linz (OÖ) von KCHO/Foto: @Werner Merzeder Aus Überresten angeschwemmter Boote und aus Treibgut hat der kubanische Künstler KCHO diese überdimension...

> more

ARA Innovation Space

Ein Jahr ARA Innovation Space

Im Oktober 2017 starteten die Aktivitäten des ARA Innovation Space (AIS). Ein Jahr lang hat ein multidisziplinäres Team aus Wissenschaftlern, Kreativen und Unternehmern ...

> more