Poesie der Erdbewegung

Erde von Nikolaus Geyrhalter

Zwei Schwerlastkraftwagen, jeder mit über 100 Tonnen Erdaushub beladen, entleeren ihren Inhalt synchron über eine Böschung. Die Schubraupen ziehen – einer geheimen Macht folgend – ihre Spuren quer durchs Bild. Eine nimmermüde über 200 Meter lange Tunnelbohrmaschine gräbt sich einem Regenwurm gleich unter dem Brenner hindurch. Ein ruckelndes Förderband lässt taubes Gestein aus dem Kohle-Tagebau zu einem kleinen Berg anwachsen.
Das sind Bilder aus dem Film Erde von Nikolaus Geyrhalter. Der Filmemacher hat sich dem Thema Erdbewegung – und damit indirekt natürlich auch dem Thema Rohstoffgewinnung – angenommen. Der Mensch bewegt zwei bis drei Mal so viel Erdmasse wie auf natürliche Art durch Erdbeben, Vulkanausbrüche oder auch durch Erdrutsche bewegt werden. Eine schier unglaubliche Menge!

Erde von Nikolaus Geyrhalter Italien

Stiller Erzähler

Wo so viel Erde bewegt wird, bringt Geyrhalter durch seine stoische Kameraführung und seine langsame Bildsprache Ruhe ins Getriebe und in die Getriebenen.
Geyerhalter und sein Team haben Orte besucht, wo der Mensch massiv in Gestaltung der Erdoberfläche eingreift: beim Kohletagbau, beim Abtragen von ganzen Bergen um neues Siedlungsgebiet zu schaffen, beim Tunnelbau, beim Gewinnen von Carrara Marmor oder beim Fracking.
Gefragt nach seinen Auswahlkriterien antwortet er ganz pragmatisch: „Wir haben dort gedreht, wo wir eine Drehgenehmigung erhalten haben. Das war schwierig genug“.

Geyrhalter ist ein stiller Erzähler, kein Ankläger. Und er gibt auch den Menschen, die die Erde bewegen, Raum über ihre Arbeit zu reflektieren: Ein Mann hockt in einem „Dom“ aus Carrara Marmor und erzählt vom Herzklopfen, das er verspürt, wenn ein abgesägter Monolith umfällt. Der ungarische Kohle-Tagebaukumpel sitzt im abgenutzten Umkleideraum und sinniert: Er fährt gerne auf Urlaub, dafür braucht es Energie. Das weiß er natürlich. Ja und er baut diese Kohle ab. Das ist sicher ökologisch nicht in Ordnung, aber er fährt halt so gern auf Urlaub!

Erde von Nikolaus Geyrhalter Spanien

Massive Materialverschiebungen

Jede „Station“ der Reise durch die Welt der massiven Materialverschiebungen beginnt mit einer Gesamtaufnahme von oben. Dadurch bekommt der Zuseher ein Gefühl der unglaublichen Dimensionen dieser Arbeiten. Für das Fracking-Feld in Kanadas Tundra musste er für diese Gesamtaufnahmen auf Satellitenbilder zurückgreifen, die Drohne konnte nicht hoch genug fliegen!
Geyrhalter wollte durchaus – laut eigener Aussage – tragische Orte schön darstellen. Diese Orte haben auch eine ästhetische Dimension und die Expertise, die in diesen Erdbewegungen – oftmals zur Rohstoffgewinnung – steckt, ist beeindruckend.
Der bereits mit internationalen Preisen ausgezeichnete Film ist bereits in D-A-CH in Programmkinos angelaufen und ist für Cineasten ein Must. Die DVD des Films wird voraussichtlich im nächsten Jahr am Markt erhältlich sein.

Plakat Erde von Nikolaus GeyrhalterEarth

“Several billion tons of earth are moved annually by humans – with shovels, excavators or dynamite. Nikolaus Geyrhalter observes people in mines, quarries, large construction sites in a constant struggle to appropriate the planet” – that is the synopsis of the film as found on Geyrhalters website.
That tells in short, what the film is about. The more interesting part is how it is transcribed in the film. Though billions of tons of materials are moved it is a quiet and slow film, sometimes orchestrated like a ballet. The film already won many international prizes and is worth while seeing.

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