Reduce, Reuse, Recycle: Europarei

Ein Wohnbauprojekt aus den frühen 70ern in Uithoorn (Niederlande), neun Hochhäuser mit 1100 Wohnungen, 3000 Bewohnern und vielen Problemen. Ein architektonisch prekärer Fall.

Die Europarei ist ein typisches großmaßstäbliches Sozialwohnbauprojekt bei dem Logik und Pragmatismus über die Architektur gesiegt haben. Von Architektur kann hier eigentlich gar nicht die Rede sein, denn das ganze Ensemble wurde damals ohne jegliches Zutun von Architekten entworfen, die Konsequenz: niedrige tunnelartige Passagen, hässliche Stahl-Balkongeländer, gesichtslose Eingänge und eine defekte Gebäudeinfrastruktur. Dunkel, unfreundlich und heruntergekommen. Mehr als 30 Jahre später will die Wohnbaugesellschaft nur mehr eines: Diesen baufälligen Komplex loswerden. Doch die Stadt akzeptiert den Abriss nicht, darüber hinaus wäre die Umsiedlung der Mieter logistisch unmöglich. Als Lösung bleibt nur mehr ein Umbau.

Die Europarei bekommt also eine zweite Chance.

Schwache Isolation der Fassaden, überaltete Fenster, ausgediente Zentralheizung und lecke Wasser-, Abwasser- und Heizungsleitungen bedürfen dringends einer Erneuerung. Zudem gibt es im Siedlungskomplex auch diverse soziale Probleme, wodurch nicht nur die Technik, sondern auch die äußerliche Erscheinung verbessert werden muss. 2001 übernimmt der Rotterdammer Architekt Ton van Hoorn die Leitung für das große Umbauprojekt, er organisiert einen Wettbewerb, den das Architekturbüro Atelier Kempe Thill mit einem überzeugenden und optimistischen Konzept gewinnt. Der Plan: Aus dem verkommenen Komplex wirkliche Wohnarchitektur werden zu lassen. Das Architekturbüro hatte mit wenig Budget und einer Vielzahl an Hindernissen zu kämpfen, doch das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die alten Geländer wurden durch viel Glas mit dezenter Aluminumbefestigung ersetzt, das Erdgeschoß bekam einen hellen Farbanstrich, alle Installationen und Fenster wurden hochwertig erneuert, an den Dächern Sonnenpaneele installiert. Ein gläserner Eingangspavillion sorgt nun für eine einladende Atmosphäre. Neun Jahre später stellt die Europarei nicht nur ein vorbildhaftes Beispiel für die „Ressource“ Architektur dar, sondern folgt dabei auch noch dem Grundsatz von Urban Mining: Reduce, reuse, recycle.

Bildquelle: Ulrich Schwarz, Berlin
Weitere Informationen zum Projekt: Atelier Kempe Thill

Infos zur Architekturbiennale in Venedig ab 29.8.

TAGS
, , ,

X zurück
Comments via Urban Mining

Urban Miner: Dirk E. Hebel

Urban Miner: Dirk E. Hebel

Architekt Dirk E. Hebel plant Gebäude mit Materialien, die schon einen Lebenszyklus hinter sich haben. Nach UMAR (gemeinsam mit Werner Sobek und Felix Heisel) laufen derz...

> more

Requisitenfundus Nordwestbahnhof Wien

Reicher Schatz an alten Objekten

Ein riesiges Lagerhaus auf einem aufgelassenen Bahnhofsgelände voll mit Film- und Theaterrequisiten – es handelt sich dabei um eine spezielle Form des Urban Minings, di...

> more

Hoehenrausch Linz der Denker Werner Merzeder

Picture of the Month: October

„Der Denker“ in Linz (OÖ) von KCHO/Foto: @Werner Merzeder Aus Überresten angeschwemmter Boote und aus Treibgut hat der kubanische Künstler KCHO diese überdimension...

> more

ARA Innovation Space

Ein Jahr ARA Innovation Space

Im Oktober 2017 starteten die Aktivitäten des ARA Innovation Space (AIS). Ein Jahr lang hat ein multidisziplinäres Team aus Wissenschaftlern, Kreativen und Unternehmern ...

> more