Rohstoffe im Bauch der Stadt

Das Thermometer zeigt 45° C. Eine Staubwolke hängt über der windstillen Atacama Wüste in Chile. Ein schwer mit Kupfererz beladener Sattelschlepper hat vor fünf Minuten diese Staubwolke wie ein Wahrzeichen in die Wüste gesetzt.

Vor zwei Stunden hat er die Mine verlassen, 200 km bis zum Hafen liegen noch vor ihm. Das Erz – mit zirka 5 % Kupferanteil – wird mit riesigen Baggern auf das Schiff verladen. Zwei Wochen später läuft es im Hafen von Hamburg ein. Das Erz wird dort nochmals auf kleinere Schiffe umgeschlagen, zum Hüttenbetrieb transportiert, abgeladen, zwischengelagert, zermahlen und mit viel Energie das Kupfer aus dem Gestein gewonnen: Kupfer als Primärrohstoff ist geboren.

Natürlich ist es viel einfacher das alte Heizungsrohr aus reinem Kupfer, das noch dazu schon an Ort und Stelle „lagert“, einzuschmelzen. Kupfer als Sekundärrohstoff ist geboren. Dafür wird nur 15 % der Energie vom Primärprozess benötigt. Diese Energieeinsparung ist wahrlich keine Erfindung unserer umweltbewussten Generation. Seitdem Menschen Metall als Werkstoff verwenden, werden Sekundär-Rohstoffe den Primärrohstoffen vorgezogen. Rohstoffe – damit auch Erze – sind begrenzt. Schätzungen zufolge reichen die Kupfervorkommen für die Primärgewinnung aus Minen nur noch für 36 Jahre.

Permanent sind wir auf der Suche nach neuen Vorkommen, neuen Rohstofflagern. Und so ein neues altes Vorkommen kann die Stadt sein. Es wird geschätzt, dass in Wien pro Einwohner 4500 kg Eisen, 340 kg Aluminium, 200 kg Kupfer oder 210 kg Blei „lagern“. Multipliziert man zum Beispiel Kupfer mit der Einwohnerzahl Wiens, so ist das „Stadtbergwerk“ Wien im Besitz von zirka 340.000 Tonnen Kupfer. Nach dem durchschnittlichen Kurs der letzten Jahre stellt das einen Wert von über einer Milliarde Euro dar.

Zum Vergleich: Im gesamten Bundesgebiet werden pro Jahr etwa 131.000 Tonnen Metallabfälle in Haushalten gesammelt.
Um diese Schätze zu heben, gilt es neue Technologien zu erfinden. Für das „Urban Mining“, den Abbau von verbauten Rohstoffen in Städten und Dörfern, müssen erst noch Daten erhoben und daraus neue Verfahren entwickelt werden. Wir stehen erst am Anfang eines systematischen Abbaus.

Grund genug darüber nachzudenken haben wir allerdings. Die Ressourcen sind begrenzt und viele Rohstoffe finden sich in politisch instabilen Ländern. Durch einen Krieg könnte der Nachschub an Erzen jederzeit unterbrochen werden.
Man denkt auch schon darüber nach, Deponien wieder zu öffnen und den Müll als Rohstoffquelle zu nutzen. So lagern in Deutschland in den nach der Wende angelegten Deponien unter anderem 850.000 Tonnen Kupferschrott. Noch gibt es keine ökonomisch vernünftigen Methoden für die Rückgewinnung der Metalle aus den Deponien. Sollten die Metallpreise aber weiter steigen, wird selbst die Deponie zur urbanen Mine und damit zum Rohstofflieferant.

Bildquelle: Shutterstock

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