Urban Miner: Matthias Neitsch

Urban Miner März Matthias Neitsch RepaNet

Im geräumigen Bauernhaus am Land lebte Matthias Neitsch „ein bissl wie ein Messie“. Damit war Schluss als er in eine kleinere Wohnung nach Wien zog. Der Experte in Sachen Re-Use und Ressourcenschonung musste sich von einer großen Menge verabschieden. Anfangs schmerzlich, später befreiend. Und wenn er heute doch etwas neues Gebrauchtes benötigt, dann hilft ihm seine Partnerin dabei, auf Flohmärkten oder Re-Use-Shops das richtige Stück zu finden. Urban Mining funktioniert eben nur im Teamwork.

Wie sieht Ihr persönliches Urban Mining aus?
Matthias Neitsch: Was mich persönlich und für meine berufliche Mission motiviert, fasst Pater Anselm Grün in einem seiner Bücher wunderbar zusammen: „Gut und achtsam mit den Dingen umzugehen tut mir selbst gut – Wer achtsam mit den Dingen umgeht, wird auch behutsam mit sich selbst umgehen.“ Dieses Credo begleitet mich fast mein ganzes Leben. Ich versuche vor allem in meiner beruflichen Arbeit von RepaNet, beim Thema Re-Use, Kreislaufwirtschaft und Sozialwirtschaft möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, dass ein achtsamer Umgang mit unseren materiellen Ressourcen eine wichtige Voraussetzung für eine lebenswerte und solidarische Gesellschaft mit humanistischen Werten ist. In meinem persönlichen Bereich experimentiere ich gerne mit Kleinigkeiten, um zu verstehen, wie sich materiell minimierter Alltag anfühlt und wie das mein Bewusstsein beeinflusst. Meine Partnerin hat anfangs schallend gelacht, als ich die kleinen, fast verbrauchten Seifenstückerln aus Dusche und Waschbecken immer auf die neuen Seifenstücke drauf geklebt habe, um nur ja keine Reste zu verschwenden. Jetzt macht sie es auch so, das ist wahre Liebe! Aber es sieht ja wirklich zu komisch aus, in der Dusche zu stehen und sich abzumühen, zwei rutschige Seifen-Reststücke zusammenzupressen, ohne dass eins davon flutscht…

Ist bei Ihrem persönlichen Urban Mining auch etwas schiefgegangen?
Matthias Neitsch: Ich war lange Zeit fast ein bissl ein „Messie“, also ich hab bereits als Kind in meinen Schatzkisten alles Mögliche an Krimskrams aufbewahrt, „weil vielleicht kann man’s ja irgendwann mal brauchen“… Bei den vielen Übersiedelungen meines bewegten Lebens war das jedes Mal eine ziemliche Herausforderung. Vor ca. 10 Jahren bin ich aus einem alten Bauernhaus in der Steiermark mit 300 Quadratmeter Wohnfläche und einem großen alten Stallgebäude in eine 50-Quadratmeter-Wohnung nach Wien gezogen, die ich anfangs auch noch mit meiner Tochter teilen musste. Da wurde ich dann zum Minimalisten. Das war ein sehr mühsamer Prozess, sich von gefühlt 95% seines persönlichen beweglichen Besitzes zu lösen. Es war aber eine große persönliche Befreiung, jetzt lebe ich viel unbeschwerter, und noch immer miste ich ständig irgendwas aus.

Was könnte bei Ihrem persönlichen Urban Mining verbessert werden?
Matthias Neitsch: Tja, die Sache mit den Flugreisen. Das gehört ja zu den ressourcenintensivsten Konsumarten überhaupt. Ich bin beruflich viel unterwegs, da fliege ich manchmal. Zug ginge auch, ist aber viel teurer und zeitraubender. Die wenigen privaten Flugreisen sollten eigentlich ganz gestrichen werden, aber da sind das persönliche Fernweh, die Reiselust meiner Partnerin und das geringe Zeitbudget für Urlaube natürlich eine Herausforderung. Ich kaufe wenig Gebrauchtes, weil ich alle meine Dinge so lange wie möglich nutze und dann durch neue langlebige Qualitätsprodukte ersetze, die ich wieder möglichst lange nutzen kann. Ich bin viel zu ungeduldig, wenn ich wirklich mal etwas Neues brauche – daher nervt es mich, lange in Gebrauchtwaren-Plattformen, Re-Use-Shops und Flohmärkten nach passenden Dingen suchen zu müssen. Gott sei Dank hilft mir meine Partnerin da freudig und kompetent aus, und so komme ich doch immer wieder zu passenden Gebrauchtprodukten – was wäre Urban Mining ohne Teamwork!

Urban Miner Matthias Neitsch RepaNet

Unser Urban Miner des Monats: Matthias Neitsch, Geschäftsführer von RepaNet

Matthias Neitsch

ist seit 1990 in der Abfallwirtschaft tätig mit Fokus auf kommunale Umwelt- und Abfallberatung, Abfallvermeidung und Re-Use. Er ist Geschäftsführer des Verbandes Abfallberatung Österreich (VABÖ) und vom Re-Use- und Reparaturnetzwerk Österreich (RepaNet).

Urban Miner of March

Matthias Neitsch started his career as an urban miner when he moved from an 300m2 farmhouse to a 50m2 city apartment in Vienna. It was then – about 10 years ago – that he learned to live with less. Mathias Neitsch, Urban Miner of March, has worked in waste management since 1990 and is currently CEO of RepaNet (Re-Use- und Reparaturnetzwerk Österreich).

TAGS
, ,

X zurück
Comments via Urban Mining

urban mining student award Theodorschacht

Glück auf am Theodorschacht!

Die Gewinner des zweiten Urban Mining Student Awards stehen fest: Der erste Preis dieses Studentenwettbewerbs geht an Torben Ewaldt und Sofie Fettig vom Karlsruher Institu...

> more

Kremser Kamingespräche Kamin Feuer

Ohne Ressourcen kein Krankentransport

Ist ein Wertewandel in unserer Gesellschaft notwendig, um Ressourcen nachhaltig für kommende Generationen zu sichern? Zu dieser und ähnlichen Fragen diskutierten vor wen...

> more

Eoos Triennale 2019 urine trap

save! für nachhaltiges Abwasser

Das österreichische Designstudio EOOS hat ein revolutionäres Urin-Trenn-WC entwickelt. save! heißt diese erste Toilette, die Urin von Fäkalien und Spülwasser trennt. ...

> more

Neubau Schwaebisch Hall

Picture of the Month: May

Der „Neubau“ in Schwäbisch Hall | Photo: Brigitte Kranner Wie der Re-use eines Gebäudes über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren aussieht, zeigt der „Neuba...

> more