Urban Minerin: Silke Langenberg

Urban Minerin Silke Langenberg

Was für viele andere reif für den Sperrmüll ist, ist für die Professorin Silke Langenberg ein Objekt der Begierde. Gemeinsam mit ihren Studenten repariert sie u.a. Alltagsgegenstände, die an der Architekturfakultät der Hochschule München wieder einer neuen Nutzung zugeführt werden. Auch privat schätzt sie alte Objekte und kauft gerne auf Flohmärkten ein. Dabei erwirbt sie so manches Stück mit reicher Geschichte.

Wie sieht Ihr persönliches Urban Mining aus?

Silke Langenberg: Ich kaufe sehr viel gebraucht – sowohl Kleidung, Spielzeug für meinen Sohn, als auch Mobiliar. Ich gehe eigentlich auf jeden Flohmarkt in meiner Nähe, stöbere im Brockenhaus oder bei Ebay. Einerseits gefällt mir die Idee: Es ist einfach sinnvoll Dinge, die man nicht mehr möchte, günstig weiterzugeben anstatt sie wegzuwerfen. Andererseits findet man als Käufer Dinge mit Geschichte, guter Qualität als auch reparaturfähige Objekte. Viele Flohmarktfunde haben einen höheren Wert als neue Waren, obwohl sie älter sind und weniger kosten. Darüber hinaus lernt man nette Leute kennen, die sich nicht nur über den Verkauf freuen, sondern auch darüber, dass jemand ihren Besitz wertschätzt und weiter verwendet. Die denken offensichtlich wie ich. Und oft bekommt man auch die Geschichte der Objekte gratis dazu – der Erinnerungswert wird quasi mitgeliefert.
Urban Minerin Silke LangenbergAnsonsten reparieren wir zuhause viele Dinge anstatt sie zu entsorgen und achten bereits beim Kauf darauf, dass unsere Anschaffungen überhaupt reparaturfähig sind. Mein Mann und ich haben beispielsweise beide ein Fairphone, das in Modulen aufgebaut ist. Meines nervt mich zwar ständig, weil der Sensor auf meinen Ohrring reagiert und Gespräche einfach beendet. Meine Freunde lachen mich schon aus, weil ich ständig zurückrufen muss und ich mich immer für mein Fairphone entschuldige. Trotzdem gefällt mir die Idee dahinter und dafür nehme ich den blöden Sensor in Kauf. Ein reparaturfähiges Smartphone ist doch eine Sache, die man unterstützen muss. Außerdem wird es hoffentlich nicht mehr lange dauern bis sie das mit dem Sensor in den Griff bekommen und dann muss ich bei meinem Telefon nur ein kleines Bauteil auswechseln anstatt mir ein neues Smartphone zu kaufen. Das ist es mir wert und bis dahin rufe ich halt immer zurück.

Ist bei Ihrem persönlichen Urban Mining auch etwas schiefgegangen?

Silke Langenberg: Offensichtlich geht bei mir ständig etwas schief, wenn ich an meine vielen Flohmarktfehlkäufe denke… Aber das kann ich ja glücklicherweise auf dem Hofflohmarkt in unserem Quartier einfach weiterverkaufen. Darüber hinaus sollte ich grundsätzlich viel weniger kaufen. Neue Dinge bestelle ich zudem häufig online. Dabei stören mich die viele unnötige Verpackung und auch die ganze Transport-Logistik. Letztens habe ich mir eine relativ teure Handtasche bestellt. Die kam in einem Stoffbeutel und ich konnte beim Bestellen anklicken, ob ich einen neuen oder einen recycelten Karton möchte. Ein Lob an den Onlineshop des Warenhauses Breuninger. Da hat ja offensichtlich jemand nachgedacht. Toll! Ich würde das natürlich gern weiter unterstützen – aber so viele teure Handtaschen kann ich mir nicht leisten – und brauche ich natürlich auch nicht.

Was könnte bei Ihrem persönlichen Urban Mining verbessert werden?

Silke Langenberg: Was das Reparieren angeht: Da könnte ich selbst noch besser werden – sowohl handwerklich als auch konsequenter beim Einkauf; nicht reparaturfähige Sachen grundsätzlich gar nicht mehr kaufen, so wie Kleidung aus Polyester.

Außerdem sollte ich – wie vermutlich jeder – viel weniger verbrauchen: Material, Energie, Raum. Vermeidung ist das Ziel, nicht nur Reduzierung oder Recycling. Darin muss ich noch viel besser werden.

Vielen Dank für Ihr persönliches Urban Mining!

Zur Person: Dr.-Ing. Silke Langenberg ist Professorin für Bauen im Bestand, Denkmalpflege und Bauaufnahme an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in München. Im März 2018 ist ihre Publikation Reparatur – Anstiftung zum Denken und Machen erschienen. In ihren Lehrveranstaltungen sensibilisiert sie die Studierenden für einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen, indem sie u.a. Dinge handwerklich oder mit Hilfe digitaler Fabrikationstechniken reparieren lässt. Ihr Ziel ist es, dass nicht nur alltägliche Produkte, sondern auch Bauten wieder reparaturfähig konstruiert und für längere Nutzungsdauern gebaut sind. Sie plädiert für die Erhaltung und Nutzung des Bestandes anstelle von Abriss und Neubau.

Urban Minerin Silke LangenbergDas Buch: Anstiftung zum Denken und Machen Hrsg. Silke Langenberg, Hochschule München, Beiträge von Wolfgang M. Heckl, Silke Langenberg, Andres Lepik u.a., Gestaltung von Xuyen Dam, Tim Tauschek; Hatje Cantz Verlag Deutsch, Englisch 2018. ISBN 978-3-7757-4397-6

Dr.-Ing. Silke Langenberg is Professor at the Department of Architecture at Munich University of Applied Sciences and our urban miner of August 2018. Her exploratory focus is the preservation of historic buildings. Besides her professional interest in conservation, she personally has a soft spot for old things as well. She visits flea markets, repairs things to extend their life cycle and tries to buy less.

Foto (1): ©Ekkehart Bussenius; Foto (2): Silke Langenberg; Foto (3): Hatje Cantz Verlag

 

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