Wenn Metalle Winterschlaf halten

Infrastruktur_Baustelle

Wien. Sommer. Der Gürtel*). Baustellen. Jedes Jahr, garantiert, wie Weihnachten.
Warum? Was wird da gemacht? Man könnte sagen, die alten Wasserleitungen aus Eisenguss werden in einen langen langen Winterschlaf geschickt. Und das auf eine besonders intelligente Art und Weise. Mit dem sogenannten „No-Dig-Verfahren“.

Die in die Jahre gekommenen Wasserleitungsrohre müssen getauscht werden. Sie werden durch Kunststoffrohre ersetzt. Statt die Rohre zu tauschen oder nebeneinander zu legen, nützt man das vorhandene Eisenrohr und schiebt ein kleineres Kunststoffrohr hindurch. Das erspart viel Zeit und Geld, da man die Wasserleitung nur mehr punktuell aufgraben muss.

Das Eisenrohr lagert somit als ungenutzte Ressource in der Erde. Der Fachausdruck dafür ist „Hibernating Stocks“, was man frei mit „Rohstofflager im Winterschlaf“ übersetzen kann. Das betrifft meist Metalle, da diese sehr langlebig sind.

Das Institut für Management and Engineering an der Universität von Linköping in Schweden, hat das Thema zu einem Forschungsschwerpunkt gemacht.  Dazu haben die Forscher die „schlafenden“ unterirdischen Rohstofflager in einigen schwedischen Städten genauer angesehen. Dabei ging es primär um alte Infrastruktur. Nicht untersucht wurden private Bauten.

Die alten, nicht mehr genutzten Heizungsrohre in Norrköpings verblieben zu 100% im Boden. Die Rohre sind aus Eisen. Der Aufwand die Rohre auszugraben würde bei weitem die Vergütung für das Alteisen übersteigen.

Bei unterirdischen Elektroleitungen zeigt sich ein ganz anderes Bild. Man schätzt, dass in Städten  durch 5% bis 15% aller verlegten Kupferleitungen kein Strom mehr fließt. Kupfer war und ist viel teurer als Eisen. Das Ausgraben alter Kupferleitungen war immer rentabel. In Göteborg, zum Beispiel, sind an die 6500 km Kupferkabel verlegt. Die Forscher gehen von zirka 1,4 Tonnen Kupferinhalt pro Kilometer unterirdischem Elektrokabel aus. Somit halten in einer Stadt, wie Göteborg mit zirka 500.000 Einwohnern, zwischen 500 und 1500 Tonnen Kupfer einen Winterschlaf.

Das klingt nach sehr viel Kupfer und man ist geneigt zu sagen: „Ärmel hochkrempeln und den Schatz bergen.“ Doch wo liegen die ungenutzten Kabel? Niemand weiß es, es gibt kaum Aufzeichnungen darüber. Und auf noch ein Problem haben die Wissenschaftler hingewiesen: wem gehört das Kupfer, das da vielleicht schon seit über 50 Jahren lagert?

Für die Zukunft ist sicher ein „Infrastruktur-Ressourcen-Kataster“ anzudenken. Darin sollte genau vermerkt werden, wo welche Rohstoffe im öffentlichen Raum verbaut wurden, inklusive aller Änderungen. Nachfolgende Generationen werden es uns danken.
—-

*) eine Hauptverkehrsstraße in Wien

Mehr zu diesem Thema:
Wasserleitungs-Rohrtausch in Wien (inklusive Erklärung des No-Dig-Verfahrens):  https://www.wien.gv.at/wienwasser/versorgung/rohrnetz/sechs-saeulen.html 

Universität von Linköping, Institut für Management and Engineering
https://www.iei.liu.se/?l=en

  

Hibernating Stocks 

Vienna. Summer. The Gürtel *). Construction sites. Every year, guaranteed, like Christmas. 

Why? What’s happening? You could say that the old water pipes made of cast iron are being sent into a long, long period of hibernation. And this is being done in a particularly smart way. With the so-called, “no-dig method”. 

The aging water pipes need to be replaced. They are replaced with plastic pipes. Instead of exchanging the pipes or laying the new ones next to the old ones, a smaller plastic pipe is pushed through the existing iron pipe. This saves time and money because the waterlines only have to be dug up selectively. 

The old iron pipe thus becomes an untapped resource stock in the earth. The technical term for this is “hibernating stocks”. The term is mostly applied to metals, as these are very long-lasting. 

The Institute for Management and Engineering at the University of Linköping, in Sweden, has made this issue a focus for the research they conduct. The researchers took a closer look at the “hibernating” underground resource stocks in some Swedish cities. The research focussed primarily on old infrastructure and did not consider private buildings. 

100% of the old, unused iron heating pipes in Norrköping remained in the soil. The effort required to dig up the pipes by far exceeds the remuneration for the scrap metal. 

Underground electrical cables, on the other hand, present a very different picture. It is estimated that 5% to 15 % of the copper electrical cables installed in cities are not in use. Copper was and is still much more expensive than iron. Digging up old copper cables was always profitable. Gothenburg, for example, has an estimated 6,500km of copper cables routed underground. Researchers estimate that there are around 1.4 tons of copper content per kilometre of underground electrical cable. Thus, a city like Gothenburg, with approximately 500,000 inhabitants, has between 500 and 1500 tons of hibernating copper stocks. 

That sounds like a lot of copper and one is inclined to say, “lets roll up our sleeves and recover that treasure”. But where are these unused cables located? No one knows exactly as there is little record of it. In addition, the scientists have pointed out a further difficulty: who owns this copper that, in some cases, has been stored underground for over 50 years? 

It is easy to make “infrastructure resource cadastral maps” for the future. These should contain precise records of where each resource is installed into public space, including any changes that may occur. Future generations will thank us. 

*) “The Gürtel” is a major road in Vienna 

More Information:
Water supply pipe replacement in Vienna, including a video with an explanation of the no-dig method: https://www.wien.gv.at/wienwasser/versorgung/rohrnetz/sechs-saeulen.html 

Linköping University, Department of Management and Engineering https://www.iei.liu.se/?l=en 

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